Demokratie in Gefahr: Was sind die Ideologien, Strategien und Rückzugsorte der radikalen Rechten? In Online-Diskussionsreihen beleuchten wir radikal-rechte Strukturen in verschiedenen Bereichen.
Mit ihrem formellen Bekenntnis zur Demokratie gelingt es radikal rechten Gruppen viel besser, auch in gesellschaftliche Milieus vorzudringen, die klassischen rechtsextremen Positionen ablehnend gegenüberstehen. Zudem ist es der radikalen Rechten durch das geschickte Erschließen neuer Querschnittsthemen gelungen, eine Reihe sozialer Bewegungen, Parteien und Subkulturen aufzubauen oder mitzugestalten, in denen unterschiedliche Themen, Anliegen und Lebensstile mit radikal-rechtem Gedankengut verknüpft werden. Das gibt Anlass für unsere Online-Diskussionsreihen!
Je Einheit wird eine andere Lebenswelt radikal-rechter Akteur:innen vorgestellt. Ziel ist es dabei ein tiefgreifendes Verständnis der ausdifferenzierten radikal-rechten Strukturen, Strategien und Ideologien zu entwickeln, um demokratiefeindliche Akteur:innen und Ideologiefragmente besser erkennen und ihnen entgegentreten zu können. Durch die Verknüpfung von Problemdiagnosen und konkreten Handlungsperspektiven möchten wir auch dazu einladen, sich selbst verstärkt demokratisch zu engagieren.
Simon Strick untersucht in seinem Vortrag die affektiven Strategien rechter Akteur:innen. Zahlreiche Analysen zeigen, wie sie Gefährdungsgefühle für Weiße und Männer populär und anschlussfähig machen: Dieser Faschismus spricht die Sprache der Risikogesellschaft und manipuliert effektiv demokratische Öffentlichkeiten. Distanzierung ist kein Mittel gegen diese rechte Gefühlsrevolution. Auf Rechte Gefühle muss kollektiv und affektiv geantwortet werden.
Die Ideologie des türkischen Rechtsextremismus ist stark von autoritären, nationalistischen, rassistischen, antisemitischen und queerfeindlichen Elementen geprägt. Zudem spielt Verschwörungsdenken eine wichtige Rolle, begleitet von Feindbildern gegenüber Armeniern, Juden, Kurden und dem Westen. Organisatorisch bilden Moschee- und soziokulturelle Vereine, die Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre entstanden, das Rückgrat des türkischen Rechtsextremismus in Deutschland. Aufgrund ihrer lokalen Verankerung erreichen und beeinflussen sie einen relevanten Teil der türkeistämmigen Bevölkerung.
Das Land wählt Rechts, die radikale Rechte zieht es aufs Land. Bis heute scheint diese Geographie vielen Betrachter*innen einleuchtend. Aus dem Blick gerät die Stadt. Und damit die vielfältigen Hinweise auf eine ausgeprägte rechte Lust an der Auseinandersetzung mit diesem baulichen, sozialen und politischen Ort im Zentrum gesellschaftlicher Aufmerksamkeit. Der Vortrag verfolgt diese Auseinandersetzung in all ihren Facetten bis in die Gegenwart.
In diesem Vortrag stehen zum einen die strukturellen und ideologischen Grundlagen dieses Phänomens im Fokus, zum anderen aber die antidemokratische Strategien in der Klimafrage sowie Einstellungen und Wahrnehmungen der Bevölkerung, die den gesellschaftlichen Konflikt um eine ökologische Transformation grundieren und flankieren.
Die letzten zwei Jahrzehnte brachten nicht nur die sozialdemokratischen Parteien weltweit in eine Krise, sondern auch die konservativen. Der Blick einiger wanderte angst- und neiderfüllt nach rechts, wo sich rechtsextreme Parteien und außerparlamentarische Akteur:innen mit rassistischen und kulturkämpferischen Themen etablieren konnten. Die Aneignung dieser Themen in Kombination mit einer neuen strategischen Ausrichtung führte zu dem, was Referentin Natascha Strobl als "radikalisierten Konservatismus".
Für Reichsbewegte und „Querdenkende“ hat das Grundgesetz keine Gültigkeit – wenn auch aus unterschiedlichen Motiven. Gemeinsam sind ihnen jedoch die Delegitimierung des Staates und Verschwörungsnarrative. Beide eint zudem eine antimoderne Sehnsucht nach einer vermeintlich harmonischen Ursprünglichkeit. Die Ablehnung von Aufklärung, Demokratie, Liberalismus und Humanismus findet sich nicht nur im rechten Milieu, sondern hat auch im alternativ-bürgerlichen Umfeld eine lange Tradition. In seinem Vortrag hinterfragt Andreas Speit diese Weltbilder einer „gekränkten Freiheit“, die sich emanzipatorisch geben, aber rechtes Gedankengut verbreiten – ohne die Unterschiede auszublenden.
In der Zeitepoche des aufsteigenden politischen Autoritarismus erleben wir beängstigende Prozesse, durch die der demokratische Rechtsstaat und der nach dem Zweiten Weltkrieg auf Grundlage der Menschenrechte entstandene politische Konsens in immer mehr Ländern in Europa in Frage gestellt werden. Durch eine unheilige Allianz zwischen dem autoritären Rechtspopulismus und dem christlich- religiösen Fundamentalismus entstehen heftige Identitäts- und Geschlechterkämpfe, die die Vielfalt und Pluralität völlig ablehnen.