Ein Jahr liegt hinter, das uns hat spüren lassen: Jede und jeder ist verwundbar, wenngleich nicht jede:r gleichermaßen. Es zeigte auf, wo im eigenen Selbstverständnis, im gesellschaftlichen Zusammenleben und in der globalen Verantwortung Bruchstellen vorhanden sind.
Mit unserem Saisonthema „Die verwundete Gesellschaft“ beschäftigt sich die Dombergakademie mit den Folgen der Pandemie auf das persönliche und politische, das globale und gesellschaftliche Leben. Wir möchten nach Wegen suchen in eine Zukunft, in der wir uns nicht abschotten, sondern den Nächsten in den Blick nehmen.
Verantwortung braucht Ehrlichkeit und Mut
Die Frage nach der Verantwortung steht in der Kirche in diesen Tagen greifbar im Raum und beherrscht die Berichterstattung.
Wer hat Verantwortung für welche Fälle zu tragen und die damit verbundenen Entscheidungen zu verantworten? Erst wenn diese Fragen glaubhaft beantwortet sind und Leitungen sich ihrer Verantwortung stellen, kann wieder Vertrauen in die Kirche wachsen. Dazu werden mehr als nur Symbolhandlungen und Worte nötig sein. Peter Beer, früherer Generalvikar der Erzdiözese München und Freising und heute Professor am päpstlichen Kinderschutzzentrum in Rom, bringt dies mit deutlichen Worten auf den Punkt: "Wer Glauben verkünden will, muss glaubwürdig sein. Diese Glaubwürdigkeit hängt sehr stark daran, dass das, was man sagt oder ankündigt, mit dem übereinstimmt, was man dann tut." Unstimmigkeiten, Abweichungen oder Widersprüchlichkeiten wirkten - "verheerend. So schafft man sich selbst ab" (mehr lesen). Es ist den Verantwortlichen, nicht nur in Köln, der Mut zu wünschen, Konsequenzen zu ziehen. Erste Schritte wurden getan.
Verantwortung
übernehmen
für sich selbst
das eigene Handeln
ist manchmal schmerzhaft
aber heilsam
verlangt Umkehr
um neue Wege gehen zu können
CLAUDIA PFRANG
Für viele Verantwortliche, ob im Ehren- oder Hauptamt, auch für mich selbst als Leiterin in einer kirchlichen Einrichtung, ist diese aktuelle Situation höchst belastend. Daniel Bogners Aufruf dieser Tage zu „pastoralem Ungehorsam“ (mehr lesen) ist hier ein wichtiger Hinweis und für mich eine Ermutigung. Eine Ermutigung, sich weiter dafür einzusetzen und zu zeigen, dass Kirche auch anders kann. Die Kirchliche Soziallehre mit ihrem Prinzip der Subsidiarität fordert dazu auf, dass viele Menschen an der Basis Gemeinwesen gestalten. Das gilt auch für die Kirche vor Ort.
Es ist ein Aufruf an die Gläubigen und Verantwortlichen, eigenständig zu handeln, damit Verantwortung für das eigene Gewissen und folglich das Glaubens- und Gemeindeleben vor Ort zu übernehmen. Neben mehr Demokratisierung in der Kirche fordert Daniel Bogner vom Kirchenvolk mehr eigenverantwortliches Handeln. Seine Botschaft: „Es wäre wichtig, dass die Kirchenmitglieder ihren Schäfchen-Gehorsam“ ablegen. „Die Doppelbotschaft muss sein: Wir wollen in der Kirche bleiben, aber nicht so wie bisher.“ Die vielen kritisch-mutigen Reaktionen und Aussagen gegen das Nein der Glaubenskongregation zur Segnung homosexueller Paare zeigen, dass viele Hauptamtliche an der Basis bereit sind, Kirche so zu gestalten und zu verantworten, dass sie – wie Jesus – radikal den Menschen als Ebenbild Gottes mit all seiner Würde in den Mittelpunkt stellt. Sag mir, was ich dir tun soll? Diese Frage Jesu an den blinden Bartimäus fasst die jesuanische Pastoral in einem Satz zusammen und bleibt uns anvertraut.
Die Übernahme von Verantwortung (Impulse dazu finden Sie HIER) ist - gerade in schwierigen Situationen - nicht immer einfach, braucht es doch dazu als ersten Schritt Selbstreflexion, das Einstehen für Fehler und die Ehrlichkeit zu sich selbst – also die Annahme von innerer Verantwortung. Aber es ist der einzige Weg – nicht nur der Kirche – zu Authentizität, Selbstwirksamkeit und Vertrauen.
Ich wünsche Ihnen für die kommende Woche, dass es Ihnen gelingen möge, mutig auf das eigene Leben zu schauen, eigene Handlungsspielräume zu entdecken und diese verantwortungsvoll zu gestalten.
Ihre Claudia Pfrang
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