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Unerhörtes hörbach machen

Auch nach über 10 Jahren steht die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche noch am Anfang. Soll eine nachhaltige Krisenbewältigung geschehen, muss sich die Kirche diesem dunklen Kapitel der Geschichte ernsthaft stellen.

Unerhörtes hörbar machen

Auch nach über 10 Jahren steht die Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche noch am Anfang. Dies ist das Fazit unserer bereits zweiten Auflage einer wieder dreiteiligen Vortragsreihe unter dem Titel „Umkehr! Kirche sein angesichts des Missbrauchsskandals“.

Die Leiterin des Limburger Aufarbeitungs-Projekts „Betroffene hören – Missbrauch verhindern“, Dr. Dewi Maria Surhajanto, nannte bei unserer Veranstaltung mit dem Titel „Wann beginnt endlich Ehrlichkeit und Verantwortung“ (jetzt auf YouTube) fünf wesentliche Faktoren, die für eine qualitätsvolle Aufarbeitung sexuellen Missbrauch von entscheidender Bedeutung sind:

  • Die Parrhesia, d.h. die Freiheit, ehrlich zu sprechen und die Dinge beim Namen zu nennen.
  • Von den Betroffenen aus zu denken und sie nicht für eine - sicher notwendige Kirchenentwicklung - zu instrumentalisieren.
  • Diese Prozesse, die Begegnungen mit den Opfern unabdingbar machen, können sehr bitter sein. Es braucht ein sich Aussetzen und sich auseinandersetzen.
  • Es braucht Lernorte, in denen Deutungshoheit geteilt wird, Rollen und Asymetrien reflektiert werden.
  • Es benötigt die Selbstbindung der Mächtigen an die Opfer.

Wenn kirchliche Amtsträger nicht weiter Vertrauen verspielen wollen, ist das der einzige Weg. Denn hier steht, wie der Religionssoziologe Detlef Pollack kürzlich in einer Ausgabe von Christ&Welt schrieb (mehr dazu), das Ganze für die katholische Kirche auf dem Spiel.

Soll eine nachhaltige Krisenbewältigung geschehen, muss sich die Kirche diesem dunklen Kapitel der Geschichte ernsthaft stellen. Hierzu braucht es auf vielerlei Ebenen Mut, Ernst- und Wahrhaftigkeit.

Es braucht den Mut der Opfer, ihre Schicksale zu erzählen. Das Unrecht muss beim Namen genannt und laut ausgesprochen werden. Im Buch „Erzählen als Widerstand“ berichten 23 erwachsene Frauen von spirituellem und sexuellem Missbrauch und machen so das Unerhörte hörbar. Was hier den Opfern abverlangt wird, ist übermenschlich viel und wir alle müssen zuhören und es aushalten, ihre Berichte anzuhören, auch wenn es schwerfällt und wehtut. So kann es gelingen, dass Menschen, denen so viel Leid angetan wurde, wieder Boden unter den Füßen spüren und ihr Leben weiter gut leben können.

Und es braucht den ernsten Willen der Mächtigen, die Perspektive der Opfer einzunehmen, letztlich Schuld einzugestehen und Verantwortung zu übernehmen. Wurde doch allzu oft Macht benutzt, um Grenzen zu überschreiten und Lebensräume einzuengen.

 

„Ihr wisst, wie die Großen und Mächtigen dieser Welt ihre Völker unterdrücken. Wer die Macht hat, nutzt sie rücksichtslos aus. Aber so darf es bei euch nicht sein. Im Gegenteil: Wer groß sein will, der soll den anderen dienen, und wer der erste sein will, der soll sich allen unterordnen.“ (Mt 20,25ff)

 

Dieser Satz aus dem Matthäus-Evangelium, mit dem Jesus das Machtgefälle aufhebt, gilt nicht den Opfern, sondern denen, die für sich beanspruchen, die Wahrheit zu verkünden. Es ist an der Zeit, Macht zu disziplinieren und endlich Verantwortung zu übernehmen.

 

Alle Aufzeichnungen unserer Vortragsreihe "Umkehr! Kirche sein angesichts des Missbrauchsskandals" finden Sie hier auf unserem YouTube-Kanal.