Er möchte Mut machen in Krisenzeiten – und hat sich dafür ausgerechnet das letzte Buch der Bibel herangezogen: die Apokalypse mit ihren Schreckens- und Hoffnungsbildern. Benediktinerabt Johannes Eckert teilt in seinem neuen Buch wichtige Botschaften des Textes für die Gegenwart. Im Vorab-Interview zur Lesung im Januar 2023 bei der Domberg-Akademie spricht er über die Visionen für heute, über Durchhalten und aktives Gestalten sowie über die Hoffnung, die bei allen Bedrohungen durchschimmern kann.
Domberg-Akademie: Wie kam es, dass Sie ein eigenes Buch über die Apokalypse geschrieben haben?
Abt Johannes: Um ehrlich zu sein, zu Beginn wollte ich das Projekt eigentlich immer wieder aufgeben. Ich habe viele Kommentare zur Apokalypse gelesen, aber irgendwie konnte ich keinen Zugang finden. Es ist schon ein wirres Buch: Mal schaut man in den Himmel, mal kommen irgendwelche chaotischen Kräfte, mal gibt es Katastrophen, dann wieder das neue Lied, das angestimmt wird – es ist ein ständiges Hin und Her, ein Durcheinander. Und ich muss sagen: Der Autor, der Seher Johannes, war mir auch nicht gerade sympathisch und ist es bis heute nicht so ganz mit seiner Schwarz-Weiß-Malerei. Ein Hardliner, der die Grautöne und das Bunte nicht kennt. Trotzdem wurde ich immer wieder motiviert dranzubleiben. Vielleicht auch so, wie es Johannes seinen Gemeinden im Buch immer wieder ans Herz legt: dranbleiben, aushalten, durchhalten. Und die Apokalypse ist ein wichtiges Buch für unsere Zeit! Es ermutigt und tröstet – das war die Intention damals, und das ist auch die Intention heute.
Was verbirgt sich hinter diesem doch eher angstmachenden Begriff „Apokalypse“?
Zuerst muss man klarstellen: Der Begriff Apokalypse hat einen Bedeutungswandel vollzogen. Wenn wir heute von Apokalypse sprechen, dann denken wir an Weltuntergang, dass also alles Leben in einer furchtbaren Katastrophe endet und dann quasi nichts mehr ist. Oder nur noch Chaos wie am Anfang der Schöpfung. Das ist nicht die Intention der Apokalypse.
Apokalypse heißt „Offenbarung“. Oder ich würde heute einfach sagen eine „Veröffentlichung“. Der Seher Johannes will eine sehr provokante Botschaft veröffentlichen, und zwar für Insider, also für Christen, wie er ein Christ ist. Die Apokalypse ist auch kein Blick in die Zukunft, wie wir immer denken. Es ist eine echt prophetische Schrift im biblischen Sinne, das heißt Protest in der Gegenwart.
Abt Johannes gibt einen Einblick in die Schreckensbilder, die Hoffnungsbilder und die Visionen des Buches "Apokalypse". Ein Mutmacher in krisenhaften Zeiten.
Für Leser:innen, die nicht so bibelfest sind: Kurz umrissen – was finden wir in diesem Buch der Bibel?
Johannes schreibt in Briefform am Ende des ersten christlichen Jahrhunderts für sieben Gemeinden in Kleinasien. Dort gibt es Probleme und große Enttäuschung. Die Wiederkunft Christi ist ausgeblieben. Viele Fragen sich, ob sie auf das falsche Pferd gesetzt haben. Außerdem greift das römische Weltreich massiv auch in das religiöse Leben seiner Untertanen ein. Dass der Kaiser als Gott verehrt wird, wird im ganzen Römischen Reich verbreitet, besonders auch in Kleinasien. Die Christen müssen sich fragen: Wie gehen wir damit um? Müssen wir uns stark abgrenzen? Es gibt die ersten Repressalien gegen Juden, aber auch gegen Christen, die da nicht mitmachen, also Verfolgung. In diese Situation hinein will Johannes ermutigen, den großen Herausforderungen standzuhalten. Die Aufforderung heißt: Bleibt dem Glauben treu!
Er sagt: Mit der Auferstehung Jesu Christi, die ich selbst auf Patmos erlebt habe, ist eine neue Weltzeit angebrochen. Gott führt im Hintergrund Regie. Alle Katastrophen sind letztlich von ihm zugelassen. Sie sind auch Weckrufe, dass die ganzen Systeme, also auch das römische Weltreich als System, ein Ende finden werden. Die, die durchhalten, werden gerettet und für sie und schlussendlich alle anderen steht am Ende die große Vision von der neuen Stadt, vom neuen Jerusalem, das von Gott her herabkommt. Mit der Auferweckung des Jesus von Nazareth, den Johannes im geschlachteten Lamm sieht, läuft die Weltgeschichte auf ein großes Ziel hinaus. Dieses Ziel sollten wir als Christen in den Blick nehmen in allen Katastrophen oder Krisen, damit wir die Hoffnung nicht aufgeben.
Kommen wir damit in die Gegenwart: Wie können die Schreckensbilder und die Hoffnungsbilder der Apokalypse uns heute in diesen turbulenten Zeiten eine Hilfe sein?
Die Botschaft der Hoffnung aus dem Glauben heraus ist die, dass in allen Bedrohungen des Lebens – ob das der Ukrainekrieg ist oder die Pandemie, die Energiekrise oder der Klimawandel – im Hintergrund ein anderer Regie führt. Die Botschaft ist: Wir sind Kinder Gottes. Lasst euch das von der Angst nicht nehmen. Die Apokalypse ist ein Buch, das zu einem Perspektivwechsel einlädt: Wir dürfen als Christen immer auch in den Himmel schauen. Aus der Perspektive heraus gilt es dann, unsere Welt zu gestalten.
Gestalten ist etwas Aktives. Wenn Johannes vom Durchhalten und Aushalten schreibt, wo liegt die Verantwortung des Menschen?
Es ist ja ein Brief, der geschrieben ist. Und ich finde, auf den darf man auch antworten. Auch wenn Johannes davon nicht begeistert ist, er sagt, es darf nichts hinzugefügt und nichts weggenommen werden. Aber meine Antwort wäre: Es reicht nicht nur das Durchhalten und das Aushalten – wobei auch das schon manchmal viel ist. Wir müssen im Auftrag Gottes Verantwortung übernehmen und gestalten. Ich muss Gottes frohe Botschaft verkünden. Das kommt, finde ich, vielleicht ein bisschen zu kurz im letzten Buch der Bibel. Es ist sehr interessant, dass unsere Bibel mit einem Garten beginnt, und am Ende steht eine Stadt, die neue Stadt: das Ja Gottes zum kulturellen Schaffen des Menschen. Wir sind berufen, an dieser neuen Stadt mitzubauen. Und diese neue Stadt sehe ich: Wenn ich sehe, wie viele Menschen sich für Menschenrechte engagieren, ob sie jetzt gläubig sind oder nicht, da sehe ich diese neue Stadt. Oder in den Protesten der Jugendlichen bei Fridays for Future, da sehe ich diesen prophetischen Dienst. Das sind die Weckrufe. Sie treten aus unserem Alltag heraus und geben uns eine Vision, wie es auch anders sein könnte.
Der Seher Johannes ist ja sehr Schwarz-Weiß, und ist auch nicht gerade zimperlich, was seine Feinde angeht. Aber er beendet sein Werk mit der neuen Stadt, wo die Türen offenstehen und wo alle Völker und Nationen ihren Platz haben. Er glaubt auch an die Vollendung. Dass es keine Gerechtigkeit geben kann auf Kosten der Opfer und dass es ein Endgericht geben muss, das ist glaube ich auch eine wichtige Botschaft. Aber am Ende seines Werkes steht der Gnadenwunsch für alle. Die Gnade Gottes sei mit allen. Spätere Autoren haben dann noch ein „euch“ hinzugefügt, das würde dann eher eingrenzen auf die Christen. Das steht im Urtext nicht drin. Ich verstehe es, wenn z. B. Menschen in der Ukraine heute in Schwarz-Weiß denken; wenn ich so bedroht bin, dann fällt es mir schwer, differenziert zu denken. Dass Johannes am Ende aber sagt „Die Gnade Gottes sei mit allen“… das weitet dann doch auch das eigene Herz – im Blick auf die eigenen Defizite, aber auch auf die Schuld und Verfehlungen der anderen.
Vielen Dank, Abt Johannes, für das Gespräch! Wir freuen uns, am 24. Januar 2023 mit Ihnen weiter in die Bilder der Hoffnung einzusteigen und zu diskutieren.
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Interview: Janine Schneider
Bildcredit: Robert Kiderle
Johannes Eckert OSB, Dr. theol., geb. 1969, ist Abt der Benediktiner-Klöster St. Bonifaz in München und Andechs. Neben seinen vielfältigen seelsorgerlichen Tätigkeiten gestaltet er seit Jahren Manager-Exerzitien und ist Verfasser zahlreicher Bücher.
Das Buch zur Lesung von Abt Johannes Eckert.