Safe Spaces sind Orte, an denen Menschen Schutz, Würde und Selbstbestimmung erfahren. Entstanden in der queeren Bewegung, sind sie heute auch für die Kirche ein wichtiges Thema. Dabei geht es nicht um absolute Sicherheit, sondern um safer spaces – bewusst gestaltete Räume, die sensibel mit Macht, Diskriminierung und Verletzlichkeit umgehen. Solche Räume entstehen nicht durch Konzepte allein, sondern durch Haltung: zuhören, beteiligen, eigenes Verhalten reflektieren. Glaubensorte sollen so zu sicheren – und zugleich mutigen – Räumen werden, in denen Menschen gehört werden und Kirche gemeinsam wachsen kann.
Es gibt sie mittlerweile auf Festivals, Events und zunehmend auch kirchlichen Veranstaltungen: safe spaces, also Orte, an denen Menschen sich zurückziehen können, weil sie sich unwohl fühlen, weil sie bedrängt oder auf ganz unterschiedliche Weise verletzt wurden. Mal sind es einfach nur Rückzugsorte, mal gestaltete Räume, in denen Menschen Unterstützung erfahren. Immer sollen diese Räume frei sein von Zuschreibungen und Machtabhängigkeiten und Selbstbestimmung ermöglichen. Safe spaces als Atempause von einem Alltag mit Unsicherheit und stets drohender Verletzung.
Safe space oder geschützter Raum ist ein inklusiver und sozialer Ort, in dem Menschen sich sicher fühlen und frei von Diskriminierung sein sollen. Ein Ort, an dem sie sich mit eigenen Diskriminierungserfahrungen auseinandersetzen können und Empowerment erfahren. Räume, in denen angstmachende, verletzende oder diskriminierende Äußerungen keinen Platz haben dürfen.
Erste safe spaces entstanden in der queeren Szene der 1960er-Jahre in den USA, in denen sich Schwule, Lesben und Transgender-Personen über ihre Ausgrenzungserfahrungen frei von gesellschaftlicher Diskriminierung organisieren und austauschen konnten. Auch in der zweiten Frauenbewegung gab es safe spaces, die Männer nicht betreten konnten.
Ob und wo sich jemand sicher fühlt, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab, insbesondere davon, wie stark Werte und Normen einer Gesellschaft bestimmte Personengruppen ausgrenzen: Menschen mit anderen Herkünften, Menschen unterschiedlicher sexueller Identitäten, Menschen mit Einschränkungen. Ist für manche das eigene Zimmer der sichere Ort, so ist das für viele Frauen überhaupt nicht der Fall. Gewalt an Frauen geschieht vornehmlich im häuslichen Umfeld. Körperliche und/oder sexuelle Gewalt in ihrer Partnerschaft erlebt jede vierte Frau, sexuelle Belästigungen erleben zwei von drei Frauen.
Gleichzeitig gilt es sich zu vergegenwärtigen: Es gibt keinen absolut sicheren Raum. Es wäre eine gesellschaftliche Utopie zu meinen, wir könnten überall absolut sicher sein. Der Anspruch von safe spaces kann leicht zu einer Überforderung werden. Daher spricht man inzwischen eher von safer spaces. Von Räumen, die den Anspruch haben, sicherer zu sein als herkömmliche.
In diesem Zusammenhang ist es fundamental, unser Verständnis von Sicherheit bzw. sicher sein näher zu betrachten. Denn nicht immer ist klar, was genau mit Sicherheit gemeint ist. Peter Beer und Hans Zollner weisen in einem Beitrag zum Konzept Safeguarding auf zwei Dimensionen des Sicherheitsbegriffs hin: den abwehrenden und den ermöglichenden.
Bei der abwehrenden Dimension steht die Abwehr von möglichen physischen wie psychischen Schäden, vor Manipulation, Fremdbestimmung, Beschämung und Demütigung, Isolation, aber auch vor Überforderung im Mittelpunkt. Wichtig sind aber auch die ermöglichenden Dimensionen von sicheren Räumen: Wertschätzung, Anerkennung, Erfahrung von Selbstwirksamkeit führen dazu, dass Entwicklungsprozesse möglich werden, das Erleben von Vielfalt und Selbststand schützt vor Vereinnahmung.
Eine Vereinseitigung stellt ein Problem dar, wenn die Beschützten passiv bleiben und in ein Abhängigkeitsverhältnis geraten. Ein Beispiel: Ein Kind, das von seinen Eltern rund um die Uhr geschützt wird vor den alltäglichen Gefahren, wird diesen nie eigenständig begegnen können und auch niemandem gegenüber selbstbewusst auftreten können. Es wird stets die Unterstützung seiner Eltern bewusst oder unbewusst einfordern.
Diejenigen, die geschützt werden, müssen, wo immer möglich, Teil der Planung und Umsetzung von sicheren Orten sein, sonst besteht die Gefahr, dass sie zu reinen Objekten werden, die Maßnahmen an den Bedürfnissen der zu Schützenden vorbeigehen oder gar nur der Profilierung und Selbstdarstellung einer Einrichtung werden. „Ohne Sicherheit ist die Würde des Menschen schnell gefährdet; ohne Würde ist die Sicherheit des Menschen schnell bedrohlich.“ – so Beer und Zollner.
Viele Menschen mussten im Raum der Kirche erfahren, dass Orte, an denen sie sich sicher zu fühlen und an denen Eltern ihre Kinder und Jugendlichen in Sicherheit glaubten, zu Orten der Verletzung an Leib und Seele, von Grenzüberschreitung und Missbrauch wurden. Wie können angesichts solcher schwerer Vergehen Orte des Glaubens wieder Orte werden, an denen man sich sicher fühlt?
Sr. Marie-Pasquale Reuver weist in ihrem Buch „Missbrauchsbetroffenen in Kirche und Gemeinde sensibel begegnen“ darauf hin, dass es für traumatisierte Menschen keine safe spaces gibt. „Sie haben einmal erlebt, dass ein sicherer Ort zu einem Schreckensort wurde, und tragen diese Erfahrung tief in sich. Wie sollen sie sich sicher sein, dass das nicht wieder geschieht? Ich habe nicht die Macht, einen solchen Ort zu schaffen. Beziehungen sind nie safe spaces. Jeder und jede von uns bringt die eigene Geschichte, eigene Werte und Emotionen mit hinein. Das macht die Schönheit von Beziehungen aus. Gleichzeitig kann mein Hintergrund immer auch dem anderen zur Gefahr werden – und andersherum. Vielleicht ist es sogar gefährlich zu behaupten, einen safe space zu schaffen.“
Hier beginnt der erste Schritt: sich bewusst zu sein, dass wir jederzeit andere verletzen können, dass wir zwar versuchen können, einen Ort zu bieten, an dem andere ermutigt werden zu sagen, wenn sie sich nicht sicher fühlen, aber immer mit dem Wissen, dass das eigene Verhalten verletzend wirken kann. Das häufig verbreitete Mindset von haupt- und ehrenamtlich Tätigen, zu den „Guten“ zu gehören und Gutes zu tun, verhindert an vielen Stellen eine selbstkritische Auseinandersetzung. Konkret: Darf das eigene Verhalten infrage gestellt werden? Besteht die Bereitschaft, es korrigieren zu lassen. Inwiefern sind Machtasymmetrien bewusst? „Safe space und machtspielende Personen ohne Augenhöhe sind ein Widerspruch“, so bringt es eine betroffene Person auf den Punkt.
Hier geht es letztlich auch um selbstverständliche und daher kaum hinterfragte Muster in unseren Gemeinden, wie z.B. das Setting in Gruppen in einem Stuhlkreis zu sitzen und ganz selbstverständlich von Persönlichem zu erzählen. Das kann für Betroffene schnell zu einem unsafe space werden. Hier braucht es Klarheit, wie es eine Betroffene formuliert hat: „Wenn ich gerade nicht lernen/mitmachen/anteilnehmen etc. kann, dann hab ich die Freiheit mich zu entziehen. Transparenz und neutrale Hinweise darauf, dass ich mich entfernen darf, nicht mitmachen muss, wenn ich mich unwohl fühle, nicht funktionieren muss.“
„Deshalb kann sich ein Safe Space wohl eher durch Ermöglichungsräume und eine innere Haltung Einzelner ereignen, aber nicht durch Konzept und Präventionspapiere, die in der Schublade verschwinden.“
Betroffene Person
„Fühle ich mich bei Gott sicher? Aufgehoben? Ich denke, dass sich etwas verändert hat. Früher war da der Name Gott und Leere und eine Sehnsucht. Heute ist es das Wissen um Gott, aber auch die Angst vor Gottes Unberechenbarkeit.“
Betroffene Person
„Einzelne Personen (im Idealfall Vorgesetzte), die mit ihrer Integrität, Verlässlichkeit und Verschwiegenheit, eine Garantenstellung für‚relative Sicherheit‘ bieten.“
Betroffene Person
Damit Menschen sich öffnen können, müssen sie analog und auch digital in Kirche sicher sein. Räume, die sicherer werden durch eine Haltung, die ein bestimmtes Verhalten fördert, ein Verhalten, in dem Menschen einüben, macht- und diskriminierungssensibel zu sein. Sichtbar wird dies durch viele Formen der Beteiligung, Wertschätzung der Äußerungen aller, Sichtbarkeit unterschiedlicher Menschen in der Liturgie, Willkommenskultur, im Erleben, dass man gehört wird.
Safer spaces in den Gemeinden sind Räume, in denen Vulnerabilität (Verletzung) und Vulneranz (die Fähigkeit, andere zu verletzen) gleichzeitig ausgehalten werden müssen. Sie können nicht ohne die Beteiligung von Betroffenen entstehen. Nur mit ihnen werden sie zu Orten, an denen sie sich wohler fühlen und Verwundungen heilen können. Es ist eine komplexe Aufgabe, die nur gemeinschaftlich gelingen kann, wenn man „einander informiert und miteinander kommuniziert (Transparency), sich aufeinander abstimmt (Compliance) und sich wechselseitig erklären kann (Accountability)“. (Beer/Zollner)
Die evangelische Theologin Sarah Vecera, die seit Jahren den Finger in die Wunde von Ausgrenzung und Diskriminierung innerhalb von Kirche legt und dafür kämpft, dass Kirche ein sicherer Ort für alle wird, sagt: „Und um das zu werden, muss die Kirche vor allem auch noch etwas Anderes sein: nicht nur ein safer space, sondern auch ein ‚brave space‘ – ein Ort des Mutes. Ein Ort, an dem wir zusammen mutig sind.“
Wir brauchen Menschen, die sich trauen, Klartext zu reden und die freie Rede mit dem Risiko der Ablehnung wagen. Die sich trauen, den Finger in die Wunde zu legen. Die sich trauen, die allzu Selbstsicheren aufzuschrecken, um auch den Suchenden, den Marginalisierten und Ausgegrenzten sichere Räume zu bieten. Und vor allem: Wir sollten ein Ort sein, an dem wir uns trauen, mit ganz neuen Ideen und auf entschiedene Weise Kirche zu sein und neu zu gestalten.
WAS MISSBRAUCHSBETROFFENE ÜBER SAFER SPACES SAGEN
Eine Gruppe von Missbrauchsbetroffenen wurde über GottesSuche (www.gottes-suche.de) für diesen Artikel gefragt, welche Erwartungen sie an einen safer space haben. Ihre klaren Worte und Erfahrungen, welche im kompletten Artikel kursiv gesetzt sind, sind weiterführend für die Konzeption von safer spaces. Vielen Dank für die Beteiligung an diesem Beitrag!
Betroffene beschreiben konkret, was sie in der Gemeinde brauchen, um sich sicher zu fühlen. Dabei benennen sie folgende Situationen:
Ich fühle mich sicher in einer Kirche/bei Kontakten mit Kirchenleuten,
Für mich gehört zu einem „sichereren Raum“,
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Text: Dr. Claudia Pfrang