Wo ist die unbeschwerte Urlaubsstimmung hin? Diese Frage stellt sich Direktorin Claudia Pfrang in ihrem Director's Blog zur Sommerpause 2026. Angesichts der täglichen Meldungen über die enormen Schäden und Zerstörungen durch die Waldbrände in vielen Urlaubsregionen ist die Frage, wohin man noch in den Urlaub fahren kann, mit der moralischen Frage verbunden: Ist es legitim, sich zu erholen, die Seele baumeln zu lassen und gleichzeitig auf Waldbrände zu schauen?
Strandurlaub: Ein Paar im Liegestuhl mit Sonnenschirm, wohl gut geschützt mit Sonnencreme, das Meer im Blick, diffuses Licht – die Waldbrände in Südfrankreich am Horizont. Eine eigenartige Stimmung. Diese Szenerie hat vor Kurzem der AFP-Fotograf Maximilien Lamy eingefangen.
Ein Bildmotiv, das eigentlich als Inbegriff für Urlaub und Erholung steht, aber vor dem Hintergrund der großen Rauchwolken sofort Irritation hervorruft. Man kann es sich angesichts der Nachrichten gut auch anderswo vorstellen. Zugleich taucht die Frage auf: Kann man in dieser Szenerie wirklich Urlaub machen? Ist es legitim, sich zu erholen, die Seele baumeln zu lassen und gleichzeitig auf Waldbrände zu schauen? Das Magazin Stern titelte: „Dieses Foto zeigt mit dem Finger auf uns alle.”
Der Klimawandel bringt uns immer mehr ins Schwitzen - körperlich und seelisch. Viele Urlaubsorte, die man im letzten Jahr noch besuchen konnte, gibt es möglicherweise so nicht mehr, weil die Brände sie verwüstet haben.
Das alles darf uns nicht kalt lassen - wieder eine Wärmemetapher – und bei vielen Menschen stellt sich daher Unbehagen ein. Wo ist die unbeschwerte Urlaubsstimmung hin? Die Frage, wohin man noch in den Urlaub fahren kann, ist gerade umso mehr mit der moralischen Frage verbunden: Darf ich meinen Urlaub in einer Wellness-Oase mit Pool und reichhaltigem Buffet verbringen – wohl wissend um die schrecklichen Ereignisse der Welt? Und doch erscheint der Urlaub in der „Zeit der Erschöpfung“ (Simon Runkel) notwendiger denn je zu sein.
Die Bedeutung des Wortes „Urlaub“ nach dem althochdeutschen Wort urloub aus dem 8. Jahrhundert meint „Erlaubnis" und wurde schon im Mittelhochdeutschen bald verengt auf die „Erlaubnis, sich zu entfernen“. Bis heute braucht der Urlaub von der Erwerbsarbeit eine Arbeitsbefreiung (also Erlaubnis) und soll der Erholung dienen.
Erschöpfung
Anhalten
Ruhe
raus, weg
Flucht vor der Welt?
Erlaubt?Abstand finden
Achtsam werden
Leben wahrnehmen
Leben
gefährdet und kostbar
mehr denn jeClaudia Pfrang
Nein, auch im Urlaub dürfen uns die Verhältnisse der Welt nicht kalt lassen, aber man kann durch die Fahrt in Urlaubsgebiete und den dadurch hoffentlich entstehenden Abstand vom Hamsterrad des Alltags achtsam werden für das, was vor Ort geschieht und dankbar für das, was einem geschenkt ist. Mit Achtsamkeit den Sand beim Laufen am Meeresufer spüren, dem Vogelgezwitscher lauschen, den Duft des Waldes einatmen. Mit mehr Achtung und Solidarität Menschen begegnen, die sich eben diese Erlaubnis zum Abstand nicht nehmen können, da sie betroffen sind von Hitze, Dürre, Bränden und anderen Katastrophen oder kein Geld haben, anderswo hinzufahren.
Abstand, Achtsamkeit, Achtung, Dankbarkeit einzuüben, ist vielleicht die höchste Kunst eines Urlaubs heute. Denn all das kann uns nähren und stark machen für die „Einsätze“ aller Art in einer aufgeheizten Welt, für hitzige Debatten und Wortgefechte, die im Alltag anstehen, wenn wir wieder aus dem Urlaub zurück sind.
Zu verreisen, muss so gesehen keine Flucht vor der Welt sein, sondern kann ein Sich-Aussetzen und zugleich ein Sich-Stärken sein, um sich mit neuen Augen und neuer Kraft dem Alltag zuzuwenden, das kostbare Leben darin zu suchen und sich dafür einzusetzen.
„Freut euch mit den Fröhlichen und weint mit den Weinenden!“ (Röm 12,15), so sagt die Bibel. Das kann vielleicht für die kommende Urlaubszeit ein Motiv sein. Tränen des Glücks und der Trauer liegen nahe beieinander. Freuen wir uns über das, was uns geschenkt ist. Immer öfter wird mir bewusst, wie kostbar das Leben ist, eben weil es bedroht und oft zum Weinen ist! Verkosten wir die Urlaubs-Momente und behalten sie im Herzen. So kann Urlaub weiter im Alltag nachwirken.
Von Herzen wünsche ich Ihnen für die anstehende Sommerzeit, wo auch immer Sie diese verbringen, Abstand, Achtung und Achtsamkeit, die wieder einen neuen Blick und Dankbarkeit schenken, für das, was kostbar ist – das Leben in all seiner Vielfalt und Ambivalenz.
Ihre Claudia Pfrang