Abschiede begleiten unser Leben – alltäglich und existenziell. Unser neues Saisonthema widmet sich der Frage, wie wir trauern, Trost finden und Verlusterfahrungen gesellschaftlich wie individuell verarbeiten können. Wir laden ein zu wertvollen Veranstaltungen, Seminaren oder auch zur interaktiven Ausstellung "Take Comfort - Trost.Licht.Hoffnung"
Sie sind uns oft gar nicht bewusst: Die Abschiede, die wir täglich – oft flüchtig – vollziehen. Der Abschiedskuss oder die Umarmung, wenn wir uns von lieben Menschen trennen: von unserem Partner oder der Partnerin am Morgen beim Weg zur Arbeit, von den Kindern beim Verabschieden in der Kita oder vor dem Weg zur Schule. Wenn ein wichtiges Ereignis oder eine Prüfung ansteht, merken wir häufig, wie gut es uns tut, dass der Abschied mit einer festen Umarmung stärkt und man die Gewissheit hat, dass man zu Hause aufgefangen ist, selbst wenn alles schiefgeht.
Neben diesen „kleinen“ Abschieden in unserem Leben gibt es auch große und sehr einschneidende. Das ist die Trennung von einem:r Partner:in, der Auszug der Kinder, der Verlust eines Arbeitsplatzes oder gar der Abschied von der gewohnten Heimat. Und dann gibt es diese Abschiede, die mit unwiederbringlichen Verlusten verbunden sind: der Tod von Eltern, Verwandten Freund:innen oder Kindern. Manchmal gilt es auszuhalten, dass Abschiede plötzlich eintreten, manches unversöhnt zurückbleibt und nicht jeder Abschied harmonisch ist.
Neben all diesen individuell unvermeidlichen Erfahrungen leben wir gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Verluste in den Mittelpunkt rücken, die nicht selten von populistischer Seite instrumentalisiert werden. Der Soziologe Andreas Reckwitz beschreibt in seinem 2024 erschienenen Buch eben diesen Verlust als ein Grundproblem der Moderne. In einer Welt geprägt vom Fortschrittsversprechen stellen Verlusterfahrungen „eine elementare Enttäuschung, ja im Extrem ein Skandalon“ dar. Und Reckwitz fügt hinzu: „Für die Negativität und die Trauer um das Verlorene, Gescheiterte und Misslungene hat das moderne Fortschrittsdenken keinen wirklichen Ort.“ Es braucht, so schlägt er vor, einen offenen Umgang mit der Negativität. „Statt die Trauer in Nischen abzudrängen und ihr eine angemessene Verarbeitung zu verweigern, sind die subjektive und die soziale Anerkennung der Verluste, die Ritualisierung der Abschiede und die Integration des Verlorenen in die Gegenwart wichtige Reparaturaufgaben der kommenden Moderne.“
Wie gehen wir mit diesen existenziellen, individuell wie auch gesellschaftlich relevanten Verlusterfahrungen und damit einhergehend mit allgegenwärtiger, sich oft wie ein Schleier über das Leben von Menschen legender Trauer um? Wie drückt sich diese aus? Was hilft Betroffenen? Wie finden wir einen besseren Umgang mit entrechteter oder nicht gesehener Trauer? Wie wichtig sind Rituale und Trauerorte, welche Chancen, aber auch Grenzen hat digitale Trauer?
Diese Fragen greift unser Saisonthema „Von kleinen und großen Abschieden. Wie wir trauern und Trost finden“ auf. Wir laden ein zu einer Online-Reihe und Seminaren sowie zur interaktiven Ausstellung unter dem Titel „Take Comfort – Trost.Licht.Hoffnung“ vom 13. bis 25. November in der ehemaligen Karmeliterkirche in München. „Kunst kann einen Raum öffnen, in dem wir unseren Gefühlen begegnen können – und dabei uns selbst“, so die Künstlerin Rebecca Gischel. Indem Menschen Teil des Kunstwerkes werden können, werden sie in den Trauerprozess hineingeführt, werden Trost und Veränderung direkt spürbar. Aber es bleibt auch Platz, um dem Schmerz und der eigenen Trauer Raum zu lassen. Trauer, so Expertin Heidi Müller im Interview im DA-Magazin, ist „eine erstaunliche menschliche Fähigkeit“, die dabei hilft, sich nach Verlusten an die neue Lebenssituation anzupassen. Das Positive ist: Sie ist in uns angelegt, wir müssen sie nicht „erlernen“.
Das Bewusstsein für Trauer als gesunde Reaktion auf einen Verlust wächst in unserer Gesellschaft. Nicht nur Social-Media-Kanäle für digitales Trauern zeigen, dass Menschen sich zunehmend öffnen und den Kontakt mit anderen suchen, wenn sie einen Verlust erlitten haben. Trauern rückt aus der Tabuzone.
Ich wünsche Ihnen von Herzen immer wieder die Kraft, der Trauer einen Ort zu geben, sich auch und gerade bei Abschied und Verlusterfahrungen einzulassen auf Gespräch und gemeinsame Reflexion, um im Miteinander Trost zu erfahren.
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Dr. Claudia Pfrang