Der Roman „Es“ des Horror-Schriftstellers Stephen King wird 40. Immer noch kann er ins Nachdenken führen. Zum Beispiel über die Fragen, inwiefern die vermeintlich Schwachen besonders stark sein können, was das eigentlich ist: Stärke und Schwäche. Und auch darüber, wo wir trotz Angst und Schrecken Kraft für ein lebendiges Leben finden.
Der Plot des Horror-Klassikers ist schnell erzählt: In der fiktiven Kleinstadt Derry in Neuengland kommt es alle 28 Jahre zu einem Ausbruch mörderischer Gewalt. Verantwortlich ist ein böses Wesen, das in der Kanalisation haust. Der Roman spielt auf zwei Zeit-Ebenen: Ende der 50er Jahre nimmt eine Gruppe von sieben Kindern den Kampf gegen das Wesen auf, das sie „Es“ nennen, und verletzen es schwer. Über ein Vierteljahrhundert später wagen sie wieder die Konfrontation und setzen dem Grauen ein endgültiges Ende.
Der „Club der Verlierer“
Auffällig ist: Die Kinder, die (anders als die Erwachsenen) den Kampf gegen das Böse aufnehmen, sind in gewisser Weise schwach. Erstens sind es eben Kinder, die als solche körperlich und hinsichtlich vieler Ressourcen schwächer und verwundbarer als Erwachsene sind. Zweitens sind es Kinder, die im Vergleich zu anderen Kindern besonders belastet und eingeschränkt sind. Geschwächt sind sie nicht zuletzt durch eine von Gewalt, vielfältiger Menschenfeindlichkeit (Rassismus, Misogynie, Antisemitismus, Homophobie …) und egoistischer Gleichgültigkeit geprägten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, in der bereits auf dem Schulhof das Recht des Stärkeren gilt: So misshandelt der körperlich sehr kräftige Schüler Henry Bowers immer wieder die Kinder. Im Roman ist er nicht die einzige Verkörperung toxisch-männlicher Stärke, deren Inszenierung die innere Schwäche kaum zu verbergen mag. Das Phänomen destruktiver Schein-Stärke ist auch 40 Jahre später bis hinein in die Politik aktueller denn je!
Die Kinder sind also geschwächt durch den ganz normalen Horror einer nur scheinbar friedlichen Kleinstadtwelt. Denn auch wenn das Monster „Es“ vor Urzeiten auf die Erde gekommen ist, ist es doch „nur eine interne Steigerungsform, nichts aus einer fremden Welt“, so Literaturwissenschaftler Adrian Daub. Es veranschaulicht und treibt auf die Spitze, was die Menschen in der von King schonungslos sezierten Gesellschaft ohnehin ängstigt und schwächt – und diese Kinder ganz besonders. Sie nennen ihre Gruppe selbst den „Club der Verlierer“. Ausgerechnet sie aber entwickeln eine Stärke, mit der sie „Es“ mit seinen übernatürlichen Kräften entgegentreten. Wie kann das sein?
Wenn aus Schwäche Stärke wird
Ein erster Aspekt: Gerade bei Kindern zeigt sich, dass Schwächen mit Stärken eng verwoben sein können und dass eine Schwäche auch eine Stärke sein bzw. zu dieser werden kann. Typisches Beispiel dafür ist der Junge Bill Denbrough, dessen kleiner Bruder zu Beginn des Romans von „Es“ ermordet wird. Durch diesen Verlust, Schuldgefühle und durch die mangelnde Zuwendung der Eltern ohnehin geschwächt, leidet Bill zudem unter seinem Stottern. Ganz allgemein bezeichnet „Schwäche“ die spürbare Einschränkung eines psychischen oder physischen Vermögens – hier des Vermögens, fließend zu sprechen und sich durch klare Artikulation verständlich zu machen.
Ausgerechnet auf ihn aber „hören“ die anderen Kinder, er wird zu einer Führungsfigur und ist stark darin, sich einander die Situation und den Horror so verständlich zu machen, dass die Kinder handlungsfähig werden. Nicht einfach trotz, sondern auch wegen seines Stotterns: Es treibt ihn an, nicht einfach drauflos zu reden, sondern sich innerlich intensiver und mit viel Phantasie mit den Herausforderungen auseinanderzusetzen und dadurch Ideen für das Vorgehen zu entwickeln. Und die Kinder spüren: Das stotternde Sprechen ist dem unsagbaren Horror angemessener und überzeugender als ein eloquent-flüssiges Reden, das doch nur den Eindruck erweckt, Bescheid zu wissen.
Hier zeigt sich übrigens eine interessante Parallele zu einer ganz anderen Figur: Im Buch Exodus (4,10–12) bezeichnet sich Mose gegenüber Gott als „schwerfällig von Sprache und Zunge“, was oft als Stottern gedeutet wird. Ausgerechnet der stotternde Mose soll kommunikative Höchstleistungen vollbringen: Er soll dem übermächtigen Pharao entgegentreten, sein Volk in die Befreiung führen und ihm verständlich machen, was Gott will und verheißt. Auch hier: Ist das Stottern dem letztlich unaussprechlichen „Thema“ nicht angemessener als ein elegantes, schönes Reden, für das scheinbar alles klar ist? Ist Mose nicht gerade in dieser Schwäche stark? Der biblische Gott scheint überhaupt eine Schwäche für vermeintlich Schwache zu haben und ihnen mehr zuzutrauen als sie sich selbst. Und er ermutigt sie, ihre Stärke zu entfalten und zugleich ihr Angewiesen-Sein nicht zu verleugnen – Mose wird aufgerufen, sich bei Bedarf vom Bruder Aaron helfen zu lassen.
Bill und die anderen Kinder machen eine ganz ähnliche Erfahrung, wenn auch ohne expliziten Gottesbezug: Sie finden Kraft zum kämpferisch-lebendigen Leben gerade dann, wenn sie schwach sind, können Stärken in ihren Schwächen entdecken und sich aufeinander verlassen.
Schwäche kann starke Gemeinschaft stiften
Ein zweiter Aspekt zur Frage, warum gerade diese „schwachen“ Kinder so stark werden: Die sieben Kinder wagen es, sich einander in ihren Verwundungen, Ängsten und Schwächen zu zeigen. Das ist riskant, kann es doch dazu führen, beschämt und verletzt zu werden. Das Wagnis lohnt sich und sie machen die gute (und stärkende!) Erfahrung, dass gezeigte und geteilte Schwäche verbinden und solidarische Gemeinschaft stiften kann. Daraus erwächst Lebenskraft!
Diese Kraft zeigt sich auch dann, als sie sich nach einem guten Vierteljahrhundert wiedersehen: Nach ihrem ersten Kampf gegen „Es“ hatten fast alle sieben Kinder den Ort des Schreckens verlassen. Im Wiederse-hen in ihrer Heimatstadt konstituiert sich ihre Gemeinschaft neu – und zwar als Erinnerungs- und Erzähl-Gemeinschaft, in der sie gleichsam in einer gemeinsamen „memoria passionis“ die Erinnerungen an den Horror ihrer Kindheit teilen. Auf diese Weise werden sie erneut zu einer starken Tat-Gemeinschaft. Auf beiden Zeitebenen des Romans zeigt sich: In Beziehungen und Gemeinschaften, in denen (vermeintliche oder tatsächliche) Schwächen angstfrei gezeigt werden können, kön-nen diese ihre lähmende Wirkung verlieren und vielleicht sogar produktiv werden. Und: Gerade, wenn Menschen ihre Schwächen nicht verstecken müssen, können sie ihre immer auch vorhandenen Stärken entdecken und entfalten – jede:r auf die eigene Weise und zugleich gemeinsam.
Was King hier beschreibt, lässt sich als ein Kriterium für jede „gute“ christliche Gemeinschaft anwenden: Inwiefern ist sie ein Ort, an dem sich Menschen in ihren Schwächen zeigen können und dadurch Stärke und Lebenskraft gewinnen?
Was heißt „Erwachsen-Sein“?
Der Roman „Es“ erzählt – wie oft bei Stephen King – eine Coming-of-Age- Geschichte: Es geht um das Erwachsen-Werden; das „äußere Horror-Geschehen“ lässt sich (auch) als „inneres Entwicklungsgeschehen“ lesen, so der Literaturwissenschaftler Michael Steinmetz.
Dabei wird das eigentliche Erwachsen-Werden nicht direkt beschrieben: Die Protagonist:innen sind auf der ersten Zeitebene noch Kinder bzw. am Beginn der Pubertät und auf der zweiten Ebene Erwachsene. Aber gerade durch diese Ausklammerung des Erwachsen-Werdens wird es zum Thema und damit auch die Frage: Was bedeutet es, erwachsen zu sein und ein gutes erwachsenes Leben zu führen? Was bedeutet es insbesondere mit Blick auf den Umgang mit Stärken und Schwächen?
Steinmetz weist darauf hin, dass die Protagonist:innen auf der zweiten Zeitebene zwar ganz offensichtlich „Erwachsene“ sind, aber bestimmte mit dem Erwachsen-Werden verbundene Entwicklungsaufgaben nicht bewältigt haben. Mit Blick auf das Thema „Stärke-Schwäche“ lässt sich sagen: Sie sind beruflich und ökonomisch sehr erfolgreich und in diesem Sinne sehr stark. Zugleich sind sie in kindlichen Verhaltens- und Beziehungsmustern verstrickt und dadurch geschwächt. Eddie Kasprak zum Beispiel ist als Kind von einer überfürsorglichen Mutter gezielt schwach und klein gehalten worden und lebt nun in einer ihn einengenden Ehe mit einer ängstlich-kontrollierenden Partnerin. Beverly Marsh, die unter der Stärke inszenierenden Gewalt des Vaters gelitten hat, lebt als Erwachsene mit einem Mann zusammen, der sie ebenfalls brutal misshandelt.
Für alle Kinder gilt: Sie haben zwar als Kinder Stärke im Kampf gegen „Es“ bewiesen, sind aber doch weiterhin in negativen Mustern ihrer Kindheit verstrickt und insofern geschwächt. Erst der erneute, gemeinsame Kampf gegen „Es“, die erneute und konsequen-te Auseinandersetzung mit ihren Verwundungen und Ängsten ermöglicht es ihnen, sich zu lösen und fortan ein erwachsenes Leben zu führen.
Allerdings: Für ein gutes erwachsenes, kraftvolles Leben ist es zwar notwendig, sich aus klein und schwach haltenden Mustern der Kindheit zu lösen. Zugleich aber ist es wichtig, sich Stärken des Kind-Seins zu bewahren. Zu den schönsten Passagen des Romans (der eben nicht nur „Horror“ ist) zählen Reflexionen über die kindliche Sehnsucht nach einem „Mehr“, über kindlichen Wagemut und über ein trotz allen Schreckens wirksames Ver-trauen ins Leben. Nach dem endgültigen Kampf kommen sie zum Schluss: „Lieber einfach glauben, dass es dieses ‚Und sie lebten glücklich bis an ihr Lebensende‘ gibt, überall um uns herum – und dass es vielleicht so kommen wird; wer kann schon mit Sicherheit sagen, ob es solche Enden nicht doch geben kann? Nicht alle Boote, die in die Dunkelheit hinaussegeln, sehen die Sonne niemals wieder.“
Das jesuanische „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder…“ lässt sich auch so lesen: Dass wir uns die genannten kindlichen Einstellungen bewahren und auf diese Weise unsere Schwächen nicht ausblenden und ausmerzen müssen, sondern tragen und vielleicht verwandeln und zugleich unsere Stärken entfalten können. Vielleicht ist das gute Leben dann nicht so sehr ein möglichst starkes, sondern ein lebendiges Leben, in dem wir Stärken und Schwächen spielerisch integrieren können.
Und der Glaube?
Und wie steht es um den Glauben als eine Quelle für Lebenskraft – gerade, wenn Angst und Schrecken uns schwächen? Kann uns King dazu etwas sagen? Tatsächlich steht er der verfassten Religion eher skeptisch gegenüber und verarbeitet in vielen Werken auch ihr Potential, Lebenskraft eher zu nehmen als zu geben. Und er steht eher in der Literatur-Tradition des „kosmischen Horrors“: Gemeint ist ein existenzielles Erschrecken darüber, dass der Kosmos uns gleichgültig gegenübersteht und dass es keine göttliche Instanz gibt, die Hoffnung vermittelt und Rettung verheißt.
Allerdings: „Es“ ist ein Plädoyer für ein Vertrauen ins Leben durch alle Schrecken und Ängste hindurch. Gestärkt wird dieses Vertrauen vor allem durch die solidarische Gemeinschaft, die den verletzlich-schwachen Menschen die Stärke verleiht, sich ihren Schwächen und Ängsten zu stellen, dem Bösen zu widerstehen und ein sinnvolles und lebendiges Leben zu leben. Von „Gott“ ist hier nicht explizit die Rede, und doch: In der anrührend geschilderten Solidarität der Kinder scheint das auf, was das Evangelium „Liebe“ nennt – eine unverzichtbare Quelle der Lebenskraft.
Und: Ohne King für eine christliche Perspektive vereinnahmen zu wollen, sind doch Andeutungen in „Es“ bemerkenswert, die in aller Vorsicht „theologisch“ gedeutet werden können: Der genannte stotternde und dadurch besonders sensible Bill hört den Ruf eines „Anderen“, der ihn im Kampf gegen das Monster wie eine innere Stimme fordert und ermutigt. Der nicht näher beschriebene, rufende „Andere“ ist kein mächtig-rettender Gott – er ist eher dieser Ruf selbst. Vielleicht im Sinne der provozierenden Theologie eines John D. Caputo, der schreibt: „,Gott‘ ist nicht der Name von ‚Jemandem‘, es ist der Name eines Rufs, der uns aufruft zu antworten und uns für die Schwachen und Unterdrückten einzusetzen.“
Ist das noch christliche Theologie? Auf welchen Gott setzen wir unsere Hoffnung angesichts des Horrors in der Welt? Welcher Gott gibt uns die Kraft für ein lebendiges, widerständiges, kämpferisches Leben – oder brauchen wir ihn gar nicht? Auch das eine Frage, über die uns „Es“ – ohne groß von Gott zu reden – ins Nachdenken führen kann.
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Text: Dr. Thomas Steinforth