Viele Menschen erleben einen dauerhaften Krisenmodus, in dem vertraute Sicherheiten brüchig werden und Unsicherheit zunimmt. Dr. Claudia Pfrang zeigt, wie vielschichtig Sicherheit ist – als individuelles Gefühl, gesellschaftliche Aufgabe und zentrale Frage für Zusammenhalt, Vertrauen und Zukunftsgestaltung.
Es gehört zum Gefühl vieler Menschen, im Krisenmodus zu leben. Nicht umsonst wurde „Krisenmodus“ zum Wort des Jahres 2023 gewählt. Der Ausnahmezustand ist für viele zum Dauermodus geworden. Dies geht einher mit Unsicherheiten, die nicht selten politisch instrumentalisiert werden.
Bei unserer Auftaktveranstaltung zu unserem Saisonthema „Sicher ist sicher“ wurden die Teilnehmenden gefragt, was sie mit dem Begriff Sicherheit verbinden. Die Antworten waren ebenso vielfältig, wie die Erfahrungen und Bedürfnisse, die mit dem Gefühl von Sicherheit verbunden sind. Mehrfach genannt wurden die Begriffe Vertrauen, Geborgenheit, Familie und Frieden, wie auch Zuversicht, Zukunft, Demokratie und Freiheit. Diese kurze blitzlichtartige Umfrage macht deutlich: Sicherheit ist ein höchst vielschichtiger Begriff und zugleich ein elementares menschliches Bedürfnis.
Es zeigt sich in unterschiedlichen Facetten: Im Wunsch nach öffentlicher Sicherheit, beispielsweise nicht belästigt zu werden, wofür vorwiegend der Rechtsstaat zuständig ist. In der Forderung nach sozialer Sicherheit, die Teilhabe und eine gesunde, finanziell abgesicherte und menschenwürdige Existenz gewährleistet. Konkret: im Wunsch ein Dach über den Kopf zu haben und abgesichert zu sein. Im Bedürfnis nach individueller Sicherheit, mit einer seelischen Balance und Chancen zur persönlichen Entfaltung. Dazu gehören sichere Räume ohne Verurteilung genauso dazu, wie auch das Gefühl, sicheren Boden unter den Füßen zu haben.Wenn wir so von Sicherheit reden, dürfen wir nicht vergessen, dass es sich dabei zuerst um individuelle Sicherheitsgefühle handelt, die sehr verschieden sein können und durch die Kultur mitbestimmt sind.
Doch wo lange selbstverständlich geglaubte Sicherheiten ins Rutschen geraten, ist es wichtig, die aktuellen Narrative von (Un-)Sicherheit zu analysieren und die dahinterstehenden Bedürfnisse nach Sicherheit genauer zu betrachten.
Weshalb fühlen sich viele Menschen heute so unsicher? Was gibt uns ein Gefühl von Sicherheit? Ist es erstrebenswert, immer absolut sicher zu sein? Können wir das überhaupt? Wem kommt Sicherheit faktisch und wem gefühlt immer mehr abhanden? Wessen Sicherheit zählt im öffentlichen Diskurs und politischen Handeln? Dies sind Fragen, die sich in diesem Kontext stellen.
Es gehört zu den Wesensmerkmalen der Moderne, dass die Gefahren, die das Leben mit sich bringt, lange Zeit als beherrschbar galten. Schließlich erschienen sie uns gar nicht mehr als Gefahren, sondern als Risiken, die man mehr oder weniger minimieren und gegen die man sich versichern kann. So analysiert der Philosoph Jean Pierre Wils in seinem Magazin-Beitrag unter dem Titel „Leben nach dem Zenit – über den Anstieg der Unsicherheit“.
Doch nicht zuletzt die über uns hereinbrechenden menschengemachten Ereignisse wie die durch den Klimawandel bedingten Naturkatastrophen oder Kriege zeigen: Selbst wir in Deutschland können uns nicht (mehr) vor allen Gefahren absichern – etwas, das im Übrigen Menschen in anderen Ländern schon lange nicht tun können. „Wir sind – erneut – ausgeliefert. Auf diese Rückkehr der Gefahren sind wir schlecht vorbereitet. Zu lange konnten wir uns in dem bequemen, einschläfernden Schaukelstuhl der Risikominimierung verlustieren, bis – nun ja – der Schaukelstuhl seinerseits zu kippen begann.“ So resümiert Jean Pierre Wils.
Der Risikoforscher Jens Zinn plädiert im Umgang mit Unsicherheiten dafür, nicht allein auf Rationalität, Evidenz und Wissen zu setzen, sondern auch auf Vertrauen, Intuition und Gefühl und die Hoffnung nicht zu verlieren. Hier könnte auch die christliche Hoffnungsperspektive, die nicht vertröstet, sondern Mut macht, das Leben zu gestalten, einen wichtigen Beitrag leisten.
Stephan Grünwald, der mit dem rheingold Institut die Gesellschaft erforscht, beobachtet, dass Menschen sich zwar ins Schneckenhaus zurückziehen, dort sogar viel Selbstwirksamkeit erfahren und „kunstvolle Strategien der Selbstbehauptung“ entwickelt haben. Jedoch gelingt es kaum noch, diese individuelle Energie in gesellschaftliche Wirksamkeit umzuwandeln. Er plädiert im Vertrauen auf diese Strategien für den Sprung ins Ungewisse. Aufbrüche, die wir gerade erleben, bringen Ungewissheiten mit sich, die sich aber gemeinsam gestalten und im Vertrauen zueinander besser aushalten lassen.
Angesichts der unumgänglichen Fragilität unseres Lebens und mit einer offenen Zukunft, in der ein Versprechen von totaler Sicherheit nie eingelöst werden kann, wünsche ich Ihnen den Mut, das Leben mit all seinen Unsicherheiten zu akzeptieren, innere Sicherheit zu entwickeln, den Sprung zu wagen und eine Gesellschaft mitzugestalten, in der man sich hinreichend sicher und frei fühlen kann.
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Text: Dr. Claudia Pfrang