Wer den Tod nicht kennt, kann das Leben nicht verstehen. Wie der Anfang ist auch das Ende ein essenzieller Teil davon. Doch die Erkenntnisse, die sich durch die dialektischen Beziehungen von Geburt und Tod sowie Leben und Sterben vermitteln können, sind uns stets nur annähernd zugänglich. // Gastbeitrag von Dr. Dirk Pörschmann
Der Tod bleibt das letzte Rätsel. Er ist unvorstellbar. Die Religionen bieten Erklärungen an und haben die Phase des Übergangs vom Leben in den Tod rituell gestaltet, sodass Gläubige darin Halt finden können. Die Künste setzen der Unvorstellbarkeit des Todes konkrete Bilder entgegen. In der Medizin, der Anthropologie, der Soziologie oder den Kulturwissenschaften lassen sich die Phänomene des Todes beschreiben und erklären, doch wie die Geburt entzieht er sich den Betroffenen in ihrer Kommunikationsfähigkeit. An meine Geburt kann ich mich nicht erinnern, und von meinem Tod werde ich nicht mehr erzählen können.
Stirbt ein Mensch, verändert sich für die Hinterbliebenen alles. Die Person ist nicht mehr da, und doch ist ihr toter Körper noch gegenwärtig. Der Kulturwissenschaftler Thomas Macho hat den Begriff des „Leichenparadox“ geprägt, also den Widerspruch „von Anwesenheit und Abwesenheit, Identität und Identitätslosigkeit“ (Macho, Todesmetaphern, 1987, S. 220). Hinterbliebene schauen auf einen Leichnam, berühren und betrauern ihn. Der Tod markiert einen unumkehrbaren Abschied. Ohne zu verstehen, was der Tod ist, erkennen wir deutlich, dass der Mensch vor uns nicht mehr lebt. Der Vater, der Freund, die Partnerin oder das Kind sind zu Toten geworden. Diese unheimliche Erfahrung prägt menschliche Zivilisationen seit ihren Anfängen, und die Wahrnehmung des Todes hat sich seitdem wahrscheinlich kaum verändert, wohl aber unser Umgang mit dem Tod und im Besonderen mit den Toten.
Das Lebensende ist Teil des Lebens. Es handelt sich um eine anthropologische Konstante, dass wir Sterbende begleiten und um sie trauern. Dieses Handeln macht uns zu Menschen. Mit dem Tod eines geliebten Menschen verändern sich die Leben der Weiterlebenden in existenzieller Weise. Die einsetzende Trauer ist so wirksam wie die Liebe: Sie erfasst den ganzen Menschen in seinem Sein. Trauer ist Liebe. Sie ist die Verbindung zu einer dauerhaft abwesenden Person. Mit dem Verlust läuft sie ins Leere, denn Worte, Blicke und Berührungen bleiben unbeantwortet. Es gibt keine Resonanzen mehr.
Die persönliche Erfahrbarkeit vom Sterben und Tod der anderen ist in den modernen Gesellschaften durch Rationalisierung, Effizienzwillen und Bürokratie deutlich erschwert worden. Orte helfen Hinterbliebenen, die Verbindung zu den Toten zu halten, denn mit dem Tod eines Menschen beginnt immer auch ein Kampf gegen das Vergessen. Wenn ich vor ein Grab trete, dann erfahre ich zwei Gewissheiten: Dieser Mensch hat gelebt, und dieser Mensch ist tot. Im Angesicht der Absenz der Lebenden kann eine Präsenz empfunden werden, die uns immer wieder mit denen in Verbindung bringt, die wir gut kannten oder liebten; doch auch mit jenen, denen wir nie persönlich begegnen konnten, weil uns Zeit oder Raum von ihnen getrennt haben.
Gräber sind existenzielle Orte, die uns auch mit den Toten in Verbindung treten lassen, die bereits vor unserer Lebenszeit verstorben sind. Gräber sind Orte der Gewissheit und der Erinnerung. Die empfundene Nähe zu den Verstorbenen löst Gefühle aus, und egal welche dies im konkreten Trauerprozess sind, wirken sie heilsam für den, der einen Verlust erlitten hat und lernen muss, mit diesem zu leben. Trauer braucht Raum und Zeit. Der Raum kann ein innerer sein, und das ist er auch meist. Doch zugleich sind es die konkreten Orte, die uns über die Nähe zu den Toten ermöglichen, ihnen intensiver als allein in unseren Gedanken und Gefühlen zu begegnen. Wir nähern uns an, wenn wir ein Grab besuchen, und das kann und darf schmerzhaft sein. Wir bringen ein Gastgeschenk mit und müssen uns immer wieder aufs Neue verabschieden – paradoxerweise für immer und zugleich bis zum nächsten Besuch des Grabes. Es sind diese einfachen menschlichen Rituale, die uns
Helfen, uns kontrolliert dem Schmerz anzunähern, ihn anzunehmen und ihn dadurch zu durchleben, damit sich Trauer wandeln kann. So ist eine Transformation innerhalb eines emotionalen Prozesses möglich. Bei einschneidenden Lebensereignissen bieten Rituale die Möglichkeit, Übergänge zu gestalten und zugleich ordnende Strukturen aufrechtzuerhalten. Sie sind symbolische Handlungen, die unserem Leben im reißenden Fluss der Zeit Halt geben. Kollektive, individuelle, einfache oder aufwändige Rituale stabilisieren das Leben in Phasen eines beschleunigten Wandels. Wenn Veränderungen bedrohlich werden, weil sich die Vergänglichkeit allen Seins darin offenbart, wird auch die eigene Sterblichkeit schmerzhaft wahrnehmbar.
Rituale sind flüchtige Handlungen. Gräber und Denkmäler sind statisch. Sie markeren einen auf Dauer angelegten, einen auffindbaren und somit immer wieder aufsuchbaren Ort. Sowohl wiederkehrende Rituale als auch bleibende Orte bieten uns Sicherheit und Halt im unaufhaltsamen Fortgang eines unberechenbaren Lebens. Gräber sind die letzte Heimat der körperlichen Überreste eines Menschen. Sie sind spezielle Orte innerhalb besonderer Bezirke, die wir Friedhöfe nennen. Der Friedhof ist ein anderer Ort, eine Heterotopie. Dies ist der Begriff, den der französische Philosoph Michel Foucault geprägt hat. Für ihn waren es Orte, die zwar innerhalb der Gesellschaft liegen, aber durch ihre Struktur und Funktion eine eigene Realität und eine andere Art von Raum darstellen. Sie sind die Orte der Verstorbenen innerhalb der Orte der Lebenden. Nach Foucault sind sie die Enklaven des Todes im Land des Lebens.
Gräber sind sichtbare Zeichen eines gelebten Lebens. Sie markieren das absolute Ende. Sie sind kulturelle Errungenschaften, die uns mit der Vergangenheit verbinden und uns zugleich vergegenwärtigen, dass der Tod eines Menschen eine Grenze darstellt, die niemals wieder überwunden werden kann. Die Grenze zum Friedhof können wir überschreiten. Die Hinterbliebenen eignen sich die Orte der Toten an, indem sie diese besuchen und gestalten. Sie bringen ihre Lebendigkeit auf den Friedhof. Doch ist dies noch zeitgemäß?
Dem Streben nach einem individuellen Leben in modernen Gesellschaften steht die deutliche Zunahme der Anonymisierung des Sterbens und der Bestattungsformen gegenüber. Reale Orte spielen immer weniger eine Rolle. Dies kann als weiterer Schritt einer Rationalisierung und der damit verbundenen Zurückdrängung des Individuellen im Tod gedeutet werden. In dem seit vielen Jahrzehnten ansteigenden Wunsch nach Feuerbestattungen (aktueller Anteil ca. 80 %) mag sich zudem eine bis in den Tod reichende Körperfeindlichkeit post-industrieller Gesellschaften offenbaren. Der Körper soll nicht langsam verwesen, sondern soll sauber und effizient verbrannt werden, um danach den Leichenbrand möglichst platz- und kostensparend – halb- oder ganz anonym – beizusetzen. Oder die Urne mit den Überresten des geliebten Menschen steht zuhause im Regal, ohne öffentlichen Gedenkort, der Gemeinschaft entzogen, doch dafür stets anwesend und mobil. Die wichtige Funktion, die eine Bestattung im Prozess von Abschied und Trauer innehat, wird dabei meist übersehen. Auch wenn der sogenannte Friedhofszwang für die Totenasche in den 16 unterschiedlichen Bestattungsgesetzen in Deutschland noch vorherrscht, sieht die Lebensrealität schon anders aus, und die öffentlichen Orte für die Toten im sozialen und kollektiven Raum der Lebenden verlieren an Bedeutung.
Alternativ zum konfessionellen oder kommunalen Friedhof bietet sich seit 2001 die Beisetzung im Wald an. Die Hinterbliebenen sollen möglichst wenig Arbeit mit den Toten haben, was zu einem deutlichen Wandel der Dienstleistungen in allen Bereichen der Bestattungskultur geführt hat. So ist etwa der deutsche Sehnsuchtsort Wald zur romantischen Metapher des beschleunigten Eingehens in den Kreislauf der Natur geworden. Niemand muss dort ein Grab gestalten oder pflegen, und die langen Ruhezeiten beruhigen die Nachfahren zusätzlich, da sie sich die Frage nicht mehr stellen müssen, was nach ihrem Ablauf sein soll. Diese Beisetzung der sterblichen Überreste in Begräbniswäldern nimmt den Nachkommen oder Verwandten Sorgen – aber auch Möglichkeiten. Die Bedeutung des Verlusts eines Gedenkorts im sozialen Gefüge des Wohnorts wird meist nicht wahrgenommen, denn die Anforderungen an eine mobile Gesellschaft haben viele Familien längst in alle Himmelsrichtungen verteilt. Trauer und Gedenken lösen sich zunehmend von einem Ort, wandern zum Teil in den digitalen Raum und werden virtuell in den sozialen Medien gelebt. Der Umgang mit dem Tod findet für die Weiterlebenden im Kontext ihres alltäglichen Lebens statt, und je mehr die
Die digitalen Medien dieses Leben prägen, umso mehr werden sich auch die Bereiche Trauer und Gedenken in virtuellen Orten wiederfinden: sei es auf einem Blog wie dearphotograph.com oder in den Gefilden der After Life Technology, die es ermöglicht, dass Hinterbliebene mit den Avataren ihrer Verstorbenen kommunizieren. Seit der Friedhof sein Monopol verloren hat, befassen sich immer mehr Menschen mit der Frage, wie und wo sie bestattet werden möchten. Die Formen und Möglichkeiten haben sich in den letzten zwanzig Jahren vervielfacht, und diese Diversifikation bietet die Chance eines umfassenden Dialogs, um für die Sterbenden wie auch die An- und Zugehörigen die heilsamen Potenziale von Abschied und Trauer erkennen zu können.
Der Umgang mit dem Tod umfasst zwei entscheidende Bereiche des Lebens, und hieraus bezieht die Sepulkralkultur eine dauerhafte Aktualität: Zum einen das öffentliche, das soziale Miteinander, das sich in Bestattungs- und Trauerformen sowie in Ritualen des Gedenkens manifestiert. Zum anderen das persönliche Sterben, das jeden betrifft. In diesem Spannungsfeld zwischen Wir und Ich, zwischen Geburt und Sterben, zwischen Freude und Trauer findet sich das Leben.
Wenn heute viele Menschen im Fall eines schweren Verlustes nicht mehr auf tradierte und damit vorgegebene Rituale zurückgreifen, weil sie sich nicht mehr einer Religion zugehörig fühlen, weil sie in einer Dienstleistungsgesellschaft leben, die sie vom Dienst an der Leiche befreit hat, weil sie daher meist selbst keine Erfahrung im Umgang mit Sterben und Tod haben, dann können neue Abhängigkeiten entstehen. Die Säkularisierung der Gesellschaft wird von vielen als Befreiung wahrgenommen, doch Freiheit fordert Verantwortung. Ein vermeintlich freies Leben will gestaltet werden. Freiheit ruft nach Selbstermächtigung, und die braucht Möglichkeiten der Aufklärung und des Austauschs mit anderen.
Für ein selbstbestimmtes Leben reicht es nicht, sich von Traditionen abzuwenden, ohne sich konkret zu fragen, wie individuelle Rituale, Formen des Abschieds, der Trauer und der Bestattungskultur aussehen können bzw. zu gestalten sind. Nicht andere sollten darüber entscheiden, was gut für einen heilsamen und individuellen Umgang mit Verlusten ist, sondern jeder für sich.