Urlaub bedeutet oft nicht nur Erholung, sondern auch neuen Stress – von Reisevorbereitungen bis zur To-do-Liste im Kopf. Doch was ist mit echter freier Zeit, in der nichts "erledigt" werden muss? Direktorin Dr. Claudia Pfrang lädt ein zur Reflexion über Muße: jene kostbare Zeit, die keinen Zweck erfüllen muss, außer dem, ganz bei sich selbst zu sein. Warum es so schwer ist, einfach nur „Löcher in die Luft zu schauen“ – und warum wir es dennoch dringend brauchen.
Endlich Urlaub, endlich nicht jeden Tag zur Arbeit müssen – das befreiende Gefühl vieler Menschen dieser Tage. Und gleichzeitig herrscht oft Betriebsamkeit: Vor dem geplanten Urlaub in anderen Gefilden muss noch das erledigt und anderes vorbereitet werden. Der Stress beginnt bei den Vorbereitungen, geht nicht selten bei der Fahrt zum Urlaubsort weiter und endet oft nicht im Urlaub.
Was soll nicht alles besichtigt, erlebt, genossen werden? Nicht selten, so erlebe ich es auch selbst, bleibt die freie Zeit zum Dasitzen und aufs Meer schauen, zum „Sich treiben lassen“ auf der Strecke.
Wo bleibt die wirklich freie Zeit, die nicht nur der bloßen Regeneration für die weitere Arbeit dient, sondern ihren Zweck in sich selbst hat? Wo bleibt die Zeit, um, wie es eine Kollegin so schön sagt, Löcher in die Luft zu schauen? Wo bleibt die Zeit, sich in die Gegenwart zu versenken, sich zu spüren, einfach da zu sein?
Wo bleibt Muße, die als ein tätiges Sich-Versenken definiert wird, das glücklich macht, da wir uns einer Sache zuwenden, die in sich selbst sinnvoll ist? Eigentlich ganz einfach – und doch fällt es uns oft schwer.
Nicht die Freizeit, die meist genauso verplante Zeit ist, ist der Gegenpol zu Arbeit, sondern die Muße als eine Zeit der Ruhe und des Innehaltens, in der man sich Dingen widmet, die nicht auf einen Zweck ausgerichtet sind, sondern einfach „nur“ Freude bereiten: „einfach“ sich in ein Buch hineinvertiefen, einen Spaziergang in der wundervollen Natur genießen, in eine Stadt eintauchen und sich von ihrer Schönheit faszinieren lassen.
Die selbstbestimmte, freie Zeit für sich selbst ist jedoch nur die eine Seite der Muße, die andere Seite ist, worauf der Philosoph Jochen Gimmel, der die Aufsatzsammlung „Konzepte der Muße“ herausgegeben hat, hingewiesen hat, das geteilte Leben.
Wer ist nicht schon aus einem Treffen mit Freund:innen beschwingt und beflügelt nach Hause gegangen, weil er oder sie – und das gehört zur Muße – ganz ohne Erwartung zum Treffen gegangen ist und sich erfüllende Gespräche und neue Einsichten ergeben haben?
Muße ist damit auch gesellschaftlich und sozial relevant. Dabei darf kritisch gefragt werden, wie Menschen, die sozial abgehängt und von existenziellen Alltagssorgen geplagt sind, sich diesen Zustand des Sich-Versenkens „leisten können“. Tun sie es doch, wird ihnen nicht selten Trägheit (übrigens in der christlichen Tradition eine der sieben Todsünden) unterstellt.
Es stellt sich die Frage: Wem gestehen wir Muße zu als Freiraum, der ohne Selbstzweck gegeben wird, damit Kraftvolles entstehen kann – und wem gönnen wir das nicht?
Was als „Löcher in die Luft schauen“ so einfach klingt, ist für uns Menschen heute schwerer denn je.
In einer Zeit, in der ständige (und noch dazu verkürzt verstandene) Produktivität weit überschätzt wird, gilt es fast als unanständig, sich der Muße hinzugeben, bei der „nichts herauskommt“.
In einer Zeit, in der man überall mit dem Handy erreichbar ist, braucht es Selbstdisziplin, einmal nicht erreichbar zu sein oder sein zu wollen.
In einer Zeit, in der Kommunikation immer und überall bis an den entferntesten Winkel der Welt verfügbar ist, fällt es schwer, bei sich selbst zu bleiben.
In einer Welt der Datenflut gleicht es einem Balanceakt, sich nicht davon überrollen zu lassen und in der Welt von Instagram und Co. sich nicht zu verlieren.
Aber genau das „Löcher in die Luft schauen“ braucht es, um sich auf das Hier und Jetzt einzulassen. Menschen müssen über die freie Zeit selbst verfügen, ihr einen eigenen Wert verleihen können – nur dann kann man auch wirklich von Muße sprechen.
So einfach und doch so schwer
sich auszuklinken
in sich hineinhören
in sich hineinversenken
Ruhe und Entspannung finden
Leben einatmen
neu aufatmen
Claudia Pfrang
Arbeit ist notwendig für ein gutes Leben. Aber sie ist nicht alles:
„Was wir in der Arbeitszeit tun, macht uns zu dem, was wir haben. Was wir in den Mußestunden tun, macht uns zu dem, was wir sind.“ – so ein Aphorismus.
(Nicht nur) für die nächsten Wochen wünsche ich Ihnen von Herzen viele Mußestunden, die Sie in Berührung bringt mit sich und den Menschen um Sie.
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Text: Dr. Claudia Pfrang