Wir leben – so eine weit verbreitete Einschätzung – in besonders unsicheren Zeiten. Das Unbehagen an der Gegenwart wächst und auch die Zukunft scheint nichts Gutes mehr zu verheißen. Es reicht nicht mehr aus, Risiken zu kalkulieren und zu minimieren. Im „Leben nach dem Zenit“ erleben wir die Rückkehr der Gefahr. // Gastbeitrag von Prof. Dr. Jean-Pierre Wils
Unbehagen an und in der Gegenwart nimmt stetig zu. Gesellschaftliche und politische Debatten finden in einer zunehmend erhitzten Umgebung statt, in der unterschiedliche Standpunkte sich zu gegnerischen bis feindseligen Haltungen verfestigen. Der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ (Jürgen Habermas) ist einer aggressiven Verteidigung eigener, also partikulärer Positionen und Meinungen gewichen. Der Kompromiss – die „Kunst des Gebens und Nehmens“ im Kontext wichtiger Auseinandersetzungen – scheint an Auszehrung zu leiden.
Es tun sich zunehmend Risse auf, die sich nur noch schwer kitten lassen. Bündnisse der Solidarität und des gemeinsinnigen Engagements sind gewiss nicht verschwunden, aber über unserer Gesellschaft liegt der Mehltau der Stagnation, der Erschöpfung und der Resignation. Es do miniert die Erfahrung des Verlustes, das Gefühl, zentrale Annahmen bezüglich des Richtungssinns der Entwicklung und – in diesem Zusammenhang – die Verlässlichkeit unse rer Lebensmuster seien abhandengekommen. Vieles weist auf eine „restaurative Modernisierung“ (Philipp Staab) hin. Menschen verschanzen sich in Wunschbildern einer bes seren Vergangenheit, in der die Welt vermeintlich noch im Gleichgewicht war.
Wenn auf die Zukunft kein Verlass mehr ist, halten wir verbissen fest an dem, was wir haben (und hatten).
Nicht wenige sind der Meinung, dass momentan Vieles von dem, auf das wir ein schlichtes Anrecht haben, uns genom men wird – von uns feindselig gesonnenen Instanzen, die getarnt als Demokratien auftreten. Unsicherheit und Un gewissheit stellen Symptome dieses Prozesses dar.
In diesem Zusammenhang kommt es zu paradoxen Prak tiken: Zur Verteidigung der Freiheit werden jene libe ral-demokratischen Institutionen attackiert, die sie ge währleisten. Der Unwille, umzudenken und unsere Lebens stile zu hinterfragen, und die weit verbreitete Verzichts aversion stimulieren jedoch exakt jene gesellschaftlichen und klima-katastrophischen Entwicklungen, die überfall artig und entsprechend unvorbereitet auf uns zukommen werden. Wir produzieren auf diesem Wege Unsicherheit. Der Rechtsphilosoph Christoph Möllers formuliert diesen Sachverhalt in Hinblick auf die Klimapolitik folgender maßen: „Man könnte eine Klimapolitik, die Rechte ein schränkt, auch als Entscheidung für eine kontrollierte und gegen eine unkontrollierte Beschränkung von Freiheit ver stehen.“ (Möllers 2020) Es hat den Anschein, als hätten wir uns zugunsten der künftig unkontrollierten Freiheitszer würfnisse entschieden. Wie gesagt – wir sind zu Unsicher heitsproduzenten geworden.
Die Rede über „Unsicherheit“ findet in einem gesell schaftlich-kulturellen Resonanzraum statt, in dem die se Klage gewissermaßen sich selbst bestätigende Effekte hervorruft: Es ist ansteckend, die Gegenwart als eine Zeit zunehmender, um nicht zu sagen überhandnehmender Unsicherheit wahrzunehmen. Dieser Ansteckungseffekt macht es nicht leicht, über Maß und Unmaß dieses ver breiteten Gefühls zu befinden. Was ist den realen Zeitum ständen geschuldet, so dass Unsicherheit als eine authen tische Artikulation der eigenen Befindlichkeit gelten darf?
Sind wir in den letzten Jahrzehnten vielleicht unsicherheits-entwöhnt worden, wir – die verwöhnten Generationen einer zur Neige gehenden Epoche des Wohlstands und der privaten Prosperität?
Leiden wir unter einer mimosenhaften Selbstbemitleidung, weil uns Unsicherheit und Ungewissheit als unvereinbar mit unseren eingeübten und standardisierten Existenzent würfen gelten? Waren wir unter Umständen lediglich die Zeitgenossen eines menschheitsgeschichtlichen Exzeptio nalismus? Vor allem – wer sind „wir“, die das Lamento der „Unsicherheit“ anstimmen, während in ganzen Weltre gionen der Alltag von Lebensbedrohungen geprägt ist, für die die Vokabel „Unsicherheit“ als eine Verharmlosung der Umstände betrachtet werden müsste?
Der Soziologe und Publizist Wolfgang Pohrt hatte uns bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts dazu aufgefordert, den gesellschaftlichen Ort nicht un berücksichtigt zu lassen, an dem Klagen über die Lebens umstände zu vernehmen sind. Pohrt machte in diesem Zusammenhang auf das damals geläufige Thema der Zu kunftsangst aufmerksam und diagnostizierte eine privi legierte Position, aus der heraus die Zukunftsängste da mals artikuliert wurden. „Als Angst deklariert, nimmt der Durchhaltewille die Erscheinungsform einer besonders zarten Empfindsamkeit an. Deren Voraussetzung aber sind ein an Realitätsverlust grenzender Egoismus und eine ebenso gedankenlose wie brutale Selbstbehauptung. Sie besteht in der fixen Idee, ausgerechnet man selbst müsse eine Zukunft haben, während so viele andere Menschen nicht einmal eine Gegenwart besitzen, d. h. die Möglichkeit, sich wenigstens heute satt zu essen.“ (Pohrt 2025) Auf die Diagnose der Unsicherheit angewandt heißt dies: Über welches Maß an Unsicherheit wird in welcher gesellschaftlichen Position gesprochen?
Leben diejenigen, die am lautesten über Unsicherheit klagen, tatsächlich auch in den ungesichertsten Verhältnissen?
So viel Selbstkritik muss sein.
Wo sind Korrekturmöglichkeiten in Sicht? Wir werden die Maxime der Reichweitenvergrößerung, also das Motto der Expansion und der Beschleunigung aller Lebensverhältnisse verabschieden müssen. Dazu gehört vermutlich an zentraler Stelle die Ausbalancierung des Autonomie-Paradigmas mit den Erfordernissen von Lebensentwürfen, die sich an Haltungen des Gemeinsinns und der gemeinschaftsorientierten Gestaltung unserer Umgebung ausrichten. Die Suche nach dem Maß einer solchen Balance ist nicht leicht, aber notwendiger als je zuvor.
Sie stößt jedoch auf taube Ohren, auf einen grassierenden Unwillen, aus den gewonnenen Einsichten und aus dem unbehaglichen Gefühl, dass etwas zutiefst Unstimmiges mit unserem Lebenswandel verbunden ist, nun auch praktische Konsequenzen zu ziehen.
Die Feststellung, dass wir in unsicheren Zeiten leben, hat mittlerweile einen Alltagswert. Sie hat deshalb kaum noch einen richtigen Nachrichtenwert. Wer mit ihr Aufmerksamkeit zu erzielen versucht, muss ein gehöriges Maß an dramaturgischer Zuspitzung anwenden, aber auch diese droht im medialen Wirbel und in der Nachbarschaft zu anderen Alarmismen zu verpuffen. Diese sind offenbar gewöhnungsfähig.
Der Rückzug aus einer Haltung der Empfänglichkeit für das Unheil, das um uns herum geschieht, fällt nicht besonders schwer, sobald man die Möglichkeit ergreift, sich in fiktiven Welten zu verschanzen. Die digitalen Medien stellen auf eine exzessive Weise Paralleluniversen zur Verfügung, die erfolgreiche Abschottungen von den unguten Realitäten ermöglichen. Man braucht keineswegs einem naiven Realismus zu huldigen, der eine einfache Trennung von Fiktion und Wirklichkeit erlauben würde.
Aber es sieht ganz und gar danach aus, dass wir uns mittlerweile in Kaskaden von fiktionalen Ersatzwelten geradezu verheddert haben. Unsicherheit lässt sich dort betäuben.
Die Narkotika zur Selbstruhigstellung sind günstig zu erwerben. Aber sie vermögen den Zukunftsverlust, der uns droht, nur unzureichend zuzudecken.
Die Zukunft als Kompensationsraum ist nämlich verschwunden. Solange die Zukunft als Möglichkeitsraum galt und ihr Zeitfenster als weit geöffnet, konnten Entbehrungen, Enttäuschungen und Verluste, die in der damaligen Gegenwart erlitten wurden, mit späterer Kompensation rechnen. Es war nicht unwahrscheinlich, sondern eher zu vermuten, dass noch Fortschritte erzielt werden konnten, die uns mit den Eintrübungen der Gegenwart zwar nicht zu versöhnen vermochten, aber uns mit ihnen immerhin abfinden ließen. Die Zukunft wurde von uns ausgemalt als Überbietung des Gewesenen, als dessen positive kommende Gestalt. Auf dieses einigermaßen konkrete Szenario war Verlass, denn es war bereits in der Vorwärtstendenz und in den Anlagen der Gegenwart angelegt.
Heute ist ein solches Szenario kaum mehr möglich. Es verdichten sich die Anzeichen, dass in den Szenarien, die uns heute zur Verfügung stehen, die Negativitäten vorherrschen. Die Zukunft droht uns zu entgleiten. Andersgeartete Szenarien, also eher positiv eingefärbte Bilder, werden stets vager. Beide, die Negativität und die Abstraktheit der Szenarien, produzieren Unsicherheit und Ungewissheit. Es ist nicht länger Verlass auf das Kommende, jedenfalls stets weniger im positiven Sinne. Die mögliche Negativität der Zukunft können wir nicht wollen, weshalb es sich scheinbar lohnt, sie zu verdrängen. Aber die Verdrängung zeigt Risse, durch die unschöne Bilder ins Bewusstsein hineinsickern. Die Abstraktheit und Vagheit künftiger Szenarien wiederum erzeugen Ohnmacht. Auf solche Vorstellungen des Kommenden haben wir keinen Griff. Neurowissenschaftler würden an dieser Stelle von Stress im Gehirn sprechen.
In der nun folgenden Abschlussreflexion möchte ich eine gesellschaftsdiagnostische Perspektive einnehmen, die dazu beitragen soll, die Umbruchsituation, in der wir uns befinden, besser zu verstehen. In der gegenwärtigen Situation erleben wir nämlich eine eigentümliche Umkehrung des Verhältnisses von Gefahr und Risiko, wie es für die Moderne typisch war. Umgeben von Gefahren für Leib und Leben waren die Menschen seit eh und je. Eine Gefahr stellt eine mögliche Bedrohung dar, die aufgrund vergangener Erfahrungen mit deren realen Manifestationen als immerwährend anwesend, aber weitgehend unvorhersehbar betrachtet werden muss. Gefahren lauern und sind unterschwellig vorhanden und hin und wieder werden sie manifest. Verheerende Wetterereignisse und Pandemien haben in der Vergangenheit immer wieder Verwüstungen angerichtet. Sie konnten sich zu jeder Zeit manifestieren. Abwehrmechanismen wurden entwickelt und Schutzvorkehrungen getroffen. Und man hoffte, dass die Gefahr möglichst fernblieb. Sozialpsychologisch hatte dies zur Folge, dass Menschen in einem Zustand dauerhafter Unsicherheit leben mussten. Das Gefühl der Unsicherheit begleitete sie privat und ebenso im Kollektiv dauerhaft, um nicht zu sagen in penetranter Permanenz.
Im Laufe der frühen Moderne wird der Begriff des Risikos den Gefahrenbegriff ablösen. Die Gefahr wird nun als eine kalkulierbare Größe betrachtet. Die Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens kann berechnet werden. Dies setzt jedoch voraus, dass die Gefahr ihrerseits aus der Alltagserwartung weitgehend gebannt worden ist. Es haben wissenschaftlich-technologische Einhegungen von einstmals unvorhersehbaren und vor allem abwehrresistenten und zerstörerischen Ereignissen stattgefunden. Das Risiko ist gleichsam eine Restgefahr, auf die nicht zuletzt durch versicherungstechnische Maßnahmen reagiert, vor allem aber antizipiert werden kann. Abgekürzt könnte man sagen, das Risiko sei das Ergebnis einer rationellen Beschwichtigung der Gefahr und ihrer kalkulatorischen Vorverlegung in die Zukunft. Falls Ungemach irgendwann eintritt, sind wir mittels der Risikoanalyse und aufgrund getroffener Vorkehrungen vorbereitet und gerüstet. Der Soziologe Niklas Luhmann hat diesen Sachverhalt präzise erfasst: "Der Risikobegriff verweist auf Zukunft."
Die skizzierte Transformation von "Gefahr" in "Risiko" geht einher mit einer tiefschürfenden Modernisierung. Wissenschaft und Technologie bilden die Grundpfeiler jener Transformation. Nicht zuletzt aber ist es die Erwirtschaftung von Überschüssen, die in ein unsichtbares und demnach (noch) abstraktes Ereignis, also in einen künftigen Risikofall investiert werden, die diese Transformation befördert. Man muss es sich buchstäblich leisten können, Gefahren in Risiken zu bannen. "Risiken sind nach alldem mehr als Gefahren von der gesellschaftlichen Entwicklung abhängig, sie sind dann stärker als Gefahren, sie verdrängen die Gefahrperspektive aus dem Zukunftshorizont, sie setzen sich durch." (Luhmann 2025)
Solange die Gefahren vorherrschen, sind wir - nach ihrem Eintreten - zu Reparaturen gezwungen. 'Ex post facto' wickeln wir, so gut es geht, den Schaden ab. Im Falle einer Risikokalkulation handeln wir dagegen im Voraus. 'Ex ante' suchen wir nach Techniken der Schadensvermeidung, vor allem aber nach Möglichkeiten der Schadensreduktion, indem wir vorsorglich tätig werden. Um das zu bewerkstelligen, benötigen wir nicht nur Wahrscheinlichkeitsberechnungen, sondern ebenso Ressourcen, die die materiellen und finanziellen Mittel enthalten, Risiken abzufedern und womöglich zu antizipieren, um sie vermeiden zu können. Die Versicherungswirtschaft wird das Maß an Ungewissheit, das die menschliche Existenz in den langen Zeiten der Gefahr gekennzeichnet hat, bestmöglich reduzieren. Ungewissheit verkleinert sich in das sogenannte Restrisiko hinein.
Gegenwärtig erleben wir jedoch eine eigentümliche Umkehrung - die Rückkehr der Gefahr. Uns hat die bange Ahnung erfasst, dass die abfedernden Techniken der Risikokalkulation und mit ihnen die Reduktion der Ungewissheit auf ein erträgliches Maß uns nicht mehr weiterhelfen werden.
Es sind die berüchtigten Kipppunkte, die uns zu schaffen machen.
"Kipppunkte" sind kritische Schwellen, deren Überschreitung unumkehrbar ist, selbstverstärkende Veränderungen initiiert, vor allem aber chaotische und unkalkulierbare, also antizipations-averse Entwicklungen hervorruft, welche die klassische Risikoanalyse tendenziell obsolet werden lässt. Plötzlich fühlen wir uns ungeschützt. Die Unsicherheit überschreitet nun eine kritische Schwelle. Der Transmissionsriemen, der einst die Gefahren in die (einigermaßen gesicherten) Häfen der Bewirtschaftung von Risiken gelenkt hat, läuft nun rückwärts: Risiken entpuppen sich immer mehr als Gefahren. Wir sind - erneut - ausgeliefert. Auf diese Rückkehr der Gefahren sind wir schlecht vorbereitet.. Zu lange konnten wir uns in dem bequemen, einschläfernden Schaukelstuhl der Risikominimierung verlustieren, bis – nun ja – der Schaukelstuhl seinerseits zu kippen begann.