Was bleibt von Weihnachten, wenn alles Äußere fehlt?
Ein Blick auf den Grinch führt mitten hinein in die große Sehnsucht des Menschen – nach Nähe, Gemeinschaft und Geborgenheit. Und in die Frage, ob Weihnachten vielleicht dort beginnt, wo Sehnsucht Raum bekommt.
Weihnachtsfilme stehen gerade hoch im Kurs. Es sind Filme mit viel Gefühl und Sehnsucht nach Liebe, Gemeinschaft und Geborgenheit. Vor kurzem habe ich Grinch gesehen. Grinch ist ein „Weihnachtshasser“. Das geht so weit, dass er dem benachbarten Dorf alle Geschenke und den Weihnachtsbaum stiehlt. Er meint, ihnen damit das Weihnachtsfest nehmen zu können. Doch was entdeckt er, als er an Weihnachten auf das Dorf von seiner Höhle aus schaut? Die Dorfbewohner:innen versammeln sich auch ohne Baum, so wie jedes Jahr, am Dorfplatz und umarmen sich. Da wird ihm bewusst: Das ist es, wonach er sich, aufgewachsen als Waisenkind in einem Heim, immer gesehnt hat. (Mehr verrate ich Ihnen nicht, vielleicht haben Sie Gelegenheit den Film zu schauen).
„Alles beginnt mit der Sehnsucht, immer ist im Herzen Raum für mehr, für Schöneres und Größeres. Das ist des Menschen Größe und Not: Sehnsucht nach Stille, nach Freundschaft und Liebe“, so ein Text einer unbekannten Autorin, der fälschlicherweise Nelly Sachs zugeschrieben wird. Alles beginnt mit der Sehnsucht. Wonach sehne ich mich, sehnen Sie sich? Welchen Raum gebe ich dem? Der eigenen Sehnsucht nachzugehen, ist eine wichtige Triebfeder. Für den Befreiungstheologen Leonardo Boff ist die Sehnsucht eine „anthropologische Grundausstattung“ des Menschen.
Vielleicht hängt die Faszination und gleichzeitig das Leiden an diesem Fest genau mit dieser Sehnsucht zusammen: der Sehnsucht nach Mehr, nach Freundschaft und Liebe. Vielleicht kennen Sie das: Man hat im Trubel des Alltags, gerade in der Vorweihnachtszeit, einfach keinen Raum mehr. Vieles wird überlagert durch den Stress, allen Wünschen und Erwartungen gerecht zu werden, das perfekte Fest arrangieren zu wollen. Es gibt kaum mehr Raum danach zu fragen, wonach wir uns in unserem Herzen sehnen. Haben wir über all dem schon vergessen, welche Sehnsucht in uns steckt, vergessen, wie wir als Kinder fasziniert waren von der Schönheit des Lichterglanzes und dem Geheimnis des Christkindes, wie es das Lied „Was ich besaß“ der Band MAYBEBOP beschreibt? Diese Sehnsucht zu suchen und wieder zu entdecken, ist eine wahrliche Herausforderung dieses Festes.
überlagert von allem Trubel
von allen Erwartungen
kein Raum mehr
der Sehnsucht nachzuspüren
der Sehnsucht
nach Liebe und Geborgenheit
nach Freundschaft und Verbundenheit
Raum geben
damit wachsen kann
Hoffnung
Vertrauen
Liebe
Nicht nur an Weihnachten
Claudia Pfrang
„Und wo die Sehnsucht sich erfüllt, bricht sie noch stärker auf. Fing nicht auch deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?“, fragt das Gedicht weiter.
Ist im Laufe der Zeit verblasst, was damals geschah? Das Wunder und Geheimnis der Weihnacht ist die immerwährende Sehnsucht Gottes nach dem Menschen. Seine Sehnsucht, da zu sein, wie es der alttestamentliche Name JHWH - „Ich bin der Ich bin da“ - ausdrückt. Seine Sehnsucht, mitten unter den Menschen zu sein, nicht als Herrscher und König, sondern als kleines verletzliches Kind. Er stellt sich auf die Seite derer, die verletzt werden, die leiden.
Das Weihnachtsfest kann Anstoß sein, zuerst der eigenen Sehnsucht Raum zu geben, der Sehnsucht nach Liebe, Gemeinschaft und Geborgenheit. Einer Sehnsucht danach, dass ich nicht allein unterwegs bin, sondern mit vielen anderen an meiner Seite und wir gemeinsam einiges bewirken können.
Alles beginnt mit der Sehnsucht. Auch die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft. Es mag illusorisch klingen, aber vielleicht ist es gerade heute wichtiger denn je, diese Botschaft in die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Situation hineinzutragen. Ein Versuch ist es wert.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie an diesem Fest Ihrer inneren Sehnsucht nachspüren und Raum geben können, um die Kraft dieser Sehnsucht in neue Energie zu verwandeln. Gott ist da, mitten unter uns – immer und überall. Mögen Sie das spüren durch Menschen, die mit Ihnen feiern und unterwegs sind – das ist mein Wunsch und auch meine Sehnsucht für das neue Jahr. Denn gemeinsam können wir viel bewegen.
Ihre Claudia Pfrang