Angesichts des enormen menschlichen Leids, das in Kriegsgebieten auf der ganzen Welt herrscht, setzt sich Claudia Pfrang damit auseinander, wie wir diesen Realitäten begegnen und mit der Frage nach Gott umgehen können.
Die Bilder aus den Kriegsgebieten lassen erahnen: Der Krieg ist die Hölle. Immer geht er mit Zerstörung, Gewalt und Traumatisierung einher. Die Heimat liegt für die Menschen dort buchstäblich in Schutt und Asche. Frauen werden vergewaltigt, Menschen gefoltert und getötet, Häuser zerbombt. Menschen bangen um Leben und Tod und fliehen, müssen vielerorts unter unmenschlichen Bedingungen in Lagern leben. Der Krieg ist die Hölle nicht nur in Gaza und in der Ukraine, sondern weltweit. Menschen erleben Karfreitag, den grausamen Tod von Menschen hier und heute. Sie erleben die Grausamkeit menschlicher Existenz, wie man es sich nicht vorzustellen vermag und auch nicht wirklich mitfühlen kann. Eine Situation, in der Gott nicht sein kann?
Inzwischen erlebe ich bei mir selbst und auch bei den Menschen um mich, dass man sich den Bildern, die täglich über unterschiedlichste Kanäle bei uns ankommen, kaum noch stellen möchte. So unglaublich grausam und zugleich so alltäglich sind sie geworden. Und dennoch bleibt die schreckliche Realität: Brutalität, Grausamkeit und absolute Verlassenheit sind Realität für Menschen – hier und heute.
Eine Frage, die sich hier aufdrängt. Verlassen zu sein von Menschen, von der Weltpolitik, von Gott. Sicher, es braucht politische Lösungen, für die wir alle uns einsetzen müssen, damit diese Kriege aufhören, aber es braucht auch Menschen, die aushalten, die dableiben, die mitfühlen, die weinen und betrauern, wenn andere nicht mehr trauern können. Menschen, die zeigen: Dein Leid geht auch mich an. Auch unter dem Kreuz Jesus standen nicht viele Anhänger:innen Jesu, aber es harrten welche aus – so berichtet jedenfalls die Bibel. Wenn wir nichts mehr tun können, so können wir doch das: mitfühlen und ausharren, eben nicht zur Tagesordnung übergehen und die Bilder ausblenden, sondern sich ihnen aussetzen. Mitleid zu haben, mit zu leiden, das Leid an sich heranzulassen, es mitzutragen und dabei – auch emotional - nicht unbeteiligt zu bleiben. „Ich kann“, so Burkhard Hose, „das Leid nicht ‚wegmachen‘. Ich kann nur dabeibleiben. (…) Unbeteiligt, distanziert oder gar gleichgültig zu bleiben, angesichts von Leid und Ungerechtigkeit, ist vielleicht das, was Leidende am meisten demütigt und beschämt“. Das gilt im Großen wie im ganz konkreten Alltag.
Stehen bleiben
Leid sehen
Grausamkeiten aushalten
mitfühlen
weinen
betrauern
wo andere nur Leere spüren
da sein
für andere und spüren lassen:
Ich bin an deiner Seite
harre aus
halte aus
bleibe da
du bist nicht allein
Warum hast du mich verlassen? Diese Frage Jesu am Kreuz, die an Gott gerichtet ist, richtet sich auch an Christ:innen. Vielleicht ist das die Botschaft an uns Christ:innen heute, die Botschaft des Karfreitags mit dem am Kreuz gefolterten Jesus: Vergesst das Leid der Menschen nicht, bleibt stehen und bleibt bei denen, die häufig in ihrem Leid allein bleiben.
Letztlich gibt es darauf keine logische Antwort. Jesus, so der Theologe Magnus Striet, „kommt genauso unter die Räder der Geschichte, die von denen geschrieben wird, die nicht davor zurückschrecken, das Leben anderer Menschen zu vernichten. Sollte er auferweckt worden sein, trägt der göttliche Sohn nun selbst die Wundmale eines zu Tode Gefolterten.“ (Striet,96)
Für die menschengemachten Grausamkeiten ist nicht Gott verantwortlich. Es sind Menschen, die sich an Menschen vergehen. Gott darf, so der Moraltheologe Christof Breitsameter bei einer Veranstaltung der Domberg-Akademie, die von Menschen zu leistende Wiedergutmachung nicht überspringen. Aber muss nicht auch er sich am Ende verantworten? Und so ist die Botschaft des Karfreitags eine sehr persönliche und zugleich politische. Menschen in all ihrem Elend und in der Brutalität des Alltags nicht alleine zu lassen, heißt auch, gegen Unrecht aufzustehen und sich politisch einzusetzen. Dies kann gehen vom Nachdenken über eine Wahlentscheidung bis hin zum konkreten Einsatz für Kriegsflüchtlinge. Wir brauchen, so der Journalist Daniel Schreiber, eine Kultur des Widerstands und des Trostes und den Glauben an die politische Kraft der Liebe, die, wie Paulus schreibt, alles übersteigt. Liebe als ein Gefühl der Zuneigung zum Nächsten – ja mehr noch der Compassion, des Mitleidens - und der Tätigkeit, die aus der Ehrfurcht vor dem Leben entspringt. Eine Liebe, die letztlich stärker ist als der Hass. Das mag utopisch klingen, aber genau dem sind Christ:innen verpflichtet, im Glauben an einen Gott, der die Liebe ist.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie in den kommenden Tagen stehen bleiben und ausharren, weinen und Tränen trocknen können. Dass Sie sich letztlich getragen wissen vom unbedingten Vertrauen in das Leben, in das Sein selbst und auf Gott, ein Vertrauen, das hält und trägt und uns die politische Kraft der Liebe gibt.
Ihre Claudia Pfrang